Eco, fair, yeah: bleed aus Helmbrechts setzt Maßstäbe in puncto Nachhaltigkeit

Bevor „Spitzi“ meine Frage beantwortet, schiebt er seine Mütze zurecht. Typisch, denke ich. Nur selten trifft man Michael alias „Spitzi“ Spitzbarth ohne seine Kopfbedeckung an. Sie ist nicht nur eines seiner Markenzeichen, sondern auch versehen mit einem solchen: Dem Logo der Firma bleed, dessen Ideengeber, Geschäftsführer und Gesicht der 38-Jährige ist. Vor wenigen Monaten hat das Unternehmen sein 10-jähriges Bestehen gefeiert und sein neues Domizil in exponierter Lage am Ortseingang von Helmbrechts offiziell eingeweiht.  Viele Freunde, Kunden und Vertreter der Regionalpolitik lassen es sich nicht nehmen, persönliche Glückwünsche vorbeizubringen. Für Spitzi keine ungewohnte Situation: Geschäftiges Treiben, Besuche politischer Prominenz oder Vorträge als Impulsgeber und Motor in Sachen nachhaltiges Wirtschaften gehören zu seinem Alltag. So reist er zum Beispiel Anfang 2020 im Auftrag der Deutschen Botschaft nach Kasachstan, um dort sein Unternehmen vorzustellen. Doch was für ein Typ ist dieser Selfmademan und was macht seine Firma bleed so besonders? Zeit, das Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen und hinter die Fassade des neu eröffneten Firmengebäudes zu blicken.

“Mir war es wichtig, dass wir keine typischen Öko-Klamotten herstellen. Ich wollte eine moderne, coole Brand schaffen, verbunden mit nachhaltigem Bewusstsein und Regionalität.”

Michael “Spitzi” Spitzbarth: Gründer und Gesicht von bleed

Seit 2009 entwirft und vertreibt die Firma bleed nachhaltig produzierte, vegane Kleidung und dazugehörige Accessoires. Die ökologischen Ansprüche sind hoch. Die Artikel bestehen unter anderem aus Bio-Baumwolle, recycelten PET-Flaschen, Kork als Lederersatz oder Hanffasern. Spitzi und sein Team legen Wert darauf, dass ihre Klamotten ökologisch produziert werden, frei von chemischen Stoffen, frei von Tierleid und frei von unfairen Arbeitsbedingungen. Und dementsprechend lässt bleed seine Produkte immer wieder prüfen und zertifizieren. Für sein nachhaltiges Wirtschaften gewann das Unternehmen schon diverse Preise und Auszeichnungen, zum Beispiel den Umweltpreis des Bund Naturschutzes oder den PETA Progress Award. Zuletzt machten Spitzi und sein Team Schlagzeilen mit ihrem ECO4 Sneaker, einem ästhetischen Schuh aus recycelten Baumwollstoffen und Polyester. So werden mit dem Schuh unter anderem alte Autoreifen zu neuem Leben erweckt. Damit konnte der ökologischer Fußabdruck bei der Schuhproduktion auf ein Minimum gesenkt werden. Und dieses Minimum gleicht bleed durch die Zusammenarbeit mit ClimatePartner aus und unterstützt Waldprojekte in Kenia.

„Mir war es wichtig, dass wir keine typischen Öko-Klamotten herstellen, wie man sie sich vielleicht klischeehaft vorstellt. Ich wollte eine moderne, coole Brand schaffen, die Street- und Sportsware mit nachhaltigem Bewusstsein verbindet“, so Michael Spitzbarth. Auf dem Schreibtisch des Diplom-Designers entstehen die Entwürfe der meisten Produkte, die später in Produktion gehen. Und auch an die coole und sportliche Ästhetik hat der langjährige Skater hohe Anforderungen. Und so kommt es, dass seine Produkte, das Firmengebäude oder auch die Webseite eines gemeinsam haben: die Qualitätsansprüche zeigen sich nicht nur in der produzierten Ware, sondern auch in deren Präsentation im Laden in Helmbrechts oder im Onlineshop. Modernität trifft hier auf Funktionalität – bleed ist ein Gesamtpaket: Das Motto „Eco – Fair – Yeah“ prangt dementsprechend in großen Lettern auf der Internetseite.

Das junge Label entwickelt sich von Anfang an sehr erfolgreich. Dass es so weit kam, war erstens nicht selbstverständlich und kam zweitens nicht von ungefähr. Liegen ökologisch wertvoll produzierte Klamotten heute zunehmend im Trend, war bleed vor zehn Jahren einer der Pioniere auf diesem Gebiet.

Alles begann in der Garage der Eltern. Es ist ein lauer Sommerabend als ich mich auf den Weg zur Gartenparty meines Skaterkumpels Spitzi mache. Neben Bier und Veggi-Burgern warten auch die ersten selbst entworfenen Klamotten auf die Gäste. Die Garage hat Spitzi kurzerhand in einen kleinen Shop umgewandelt. Überall stehen Kartons, Kleiderstangen und Schaufensterpuppen. Es wird gelacht, Musik gemacht und nebenbei das ein oder andere T-Shirt anprobiert. Am Ende des Abends entscheide ich mich für das schwarze Shirt mit dem pinken Aufdruck. Er zeigt eine Sonnenblume, deren Blüte einen Totenkopf darstellt. Zehn Jahre ist dieser Kauf heute her, das Shirt hängt noch immer in meinem Kleiderschrank.

Das Geld für die Entwicklung und Realisierung des ECO 4 SNEAKER sammelte bleed über eine Crowdfunding-Kampagne.

Bereits nach wenigen Jahren mietet bleed Geschäftsräume in der Helmbrechtser Innenstadt. Der zugehörige kleine Laden mit rund 25 Quadratmeter Fläche ist zuerst eigentlich eher ein Gimmick, wichtig erscheinen Michael die größeren Büro- und Lagerräume, nachdem das Unternehmen mittlerweile mehrere Mitarbeiter beschäftigt. Auch wenn der Großteil des Umsatzes über den Onlineshop erwirtschaftet wird – der Laden geht besser als erwartet. „Unsere Kunden kommen aus ganz Deutschland. Auf ihrem Weg auf der A9 nutzen sie die Möglichkeit uns direkt vor Ort zu besuchen und hier einzukaufen“, erzählt Spitzi.

Spitzis große Leidenschaft ist das Skaten. Es dient ihm zum Ausgleich aber auch zur Inspiration. An der Planung und dem Bau des Skateparks in Helmbrechts hat der 38-Jährige selbst intensiv mitgewirkt.

Immer wieder macht das noch junge Unternehmen mit neuen Produkten und Kampagnen auf sich aufmerksam: Eine Lederjacke aus Kork, die erste Jeans, die komplett in Helmbrechts produziert wird oder der EcoSneaker. Der Umsatz steigt, und mit ihm die Zahl der Mitarbeiter auf mittlerweile 16. Nur der Platz, der wird immer weniger. Und so macht sich Spitzi auf die Suche nach einem neuen Domizil.

„Mir war es wichtig, dass wir in Helmbrechts bleiben. Hier ist meine Heimat, hier habe ich alles was ich brauche. Ich bin gern draußen, liebe die Natur vor unserer Haustür und die Möglichkeiten, die sie mir bietet“, sagt der leidenschaftliche Skater und Surfer. Kein Wunder also, dass ihm die kleine Stadt und der Landkreis Hof am Herzen liegen. Nach mehreren Verhandlungsrunden und diversen Planungsskizzen steht fest: Die Firma bleed kauft das alte Autohaus am Ortseingang von Helmbrechts. Aus dem grauen, in die Jahre gekommenen Betonbau wird ein ansprechender, moderner Firmensitz mit über 1.000 Quadratmeter Büro- und Lagerfläche und einem größeren Store. Und auch hier legt Spitzi großen Wert auf nachhaltige Baustoffe. Sein Ziel ist der klimaneutrale Betrieb.

“Wir ziehen die Inspiration für unsere Kollektionen und die Ideen für innovative, nachhaltige Produkte aus der Natur, die uns hier umgibt. Genau deshalb war es für uns eine Selbstverständlichkeit, den Standort in Helmbrechts zu halten und zu stärken!”

Michael Spitzbarth

Folgerichtig hat er sein Unternehmen vor kurzem dahingehend untersuchen und zertifizieren lassen. Anfahrtswege der Mitarbeiter, Firmengebäude, Produktions- und Vertriebswege und vieles mehr wurden von einem externen Gutachter bewertet und entsprechende Maßnahmen vorgeschlagen, um klimaneutral zu werden. „Seit Anfang November sind wir nun das erste zertifizierte klimaneutrale Unternehmen der Region“, sagt der 38-Jährige nicht ohne Stolz. Nachhaltigkeit ist ihm ein substanzielles Anliegen. „Was aktuell auf den Straßen passiert“, sagt er, „die Demonstrationen und Proteste der jungen Generation, das ist richtig und wichtig“.

Und er engagiert sich auch selbst und diskutiert mit Politikern und Verbänden darüber, wie Umwelt- und Klimaschutz auch in der Modewelt mehr Beachtung finden können. Sie gilt schließlich als eine der größten Ressourcenverbraucher. Oberflächliche Öko-Labels großer Konzerne sieht er kritisch – sie erfüllen meist nur Mindeststandards in der Zertifizierung. „Das ist green washing und Betrug am Kunden. Das muss sich ändern.“

Darüber hinaus liegt es ihm am Herzen, auf die Potenziale seiner Heimat rund um Frankenwald und Fichtelgebirge aufmerksam zu machen. Und so entstehen die Bilder für den neuen Katalog hier vor Ort, die neue Kollektion ist inspiriert von der Region und die Social Media- Aktivitäten des Unternehmens zeigen unsere Gegend von ihrer besten Seite.

Michael Spitzbarth liebt seine Heimat: Nicht nur mit dem Design seiner Produkte macht er auf die Schätze seiner Heimat aufmerksam – auch die Fotos für die aktuellen Kollektionen entstehen hier vor Ort.

Spitzi kommt ins Schwärmen, wenn er davon erzählt, was man alles entdecken kann, wenn man mit offenen Augen durch die Welt läuft. Ich lächle angesichts des jugendlichen Elans, den er dabei ausstrahlt. Die Erlebnisse damals am Skatepark verbinden uns noch heute. Hinfallen, aufstehen, weitermachen – das gehörte zu unserem Tagesgeschäft. Eine Erfahrung, die man wohl auch braucht, ein erfolgreiches Unternehmen auf die Beine zu stellen. Hinter dem Erfolg steckt eine Menge Arbeit. Doch bei allen öffentlichen Terminen, halbjähriger Reisetätigkeit, Messen und Präsentationen und sonstigen Herausforderungen, die sein Unternehmen so mit sich bringt: Am Ende legt Spitzi Wert darauf, dass er hin und wieder auf dem Skate- oder Surfbrett stehen und mit Tochter und Frau Zeit in der Natur verbringen kann. Das ist Antrieb und Inspiration für ihn.

Fotos: Kristoffer Schwetje

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bleed clothing GmbH

Gunterstraße 39
95233 Helmbrechts, Deutschland
09252 / 35 02 67
info@bleed-clothing.com
www.bleed-clothing.com

Öffnungszeiten bleed Store:
Donnerstag & Freitag: 12.00 – 18.00 Uhr
Samstag: 10.00 – 14.00 Uhr

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Pascal Bächer