Feldrapps Blicke: Heimat aus den Augen eines Fotografen
 – Teil 2

Interview: Jörg Raithel / Fotos: Reinhard Feldrapp

Im Jahr des Mauerbaus, 1961, war Reinhard Feldrapp gerade zehn Jahre alt. Er wächst in Naila auf, keine zehn Kilometer entfernt von der einstigen Grenze zwischen BRD und DDR. Die innerdeutsche Teilung, das Hüben und Drüben und schließlich die Wiedervereinigung haben den Fotografen über die Jahre seines Schaffens begleitet. Reinhard Feldrapp im Interview über drei Jahrzehnte deutsch-deutsche Geschichte. Teil 2 der Serie Feldrapps Blicke.

Herr Feldrapp haben Sie damals mitbekommen und verstanden was passierte?
Ja, habe ich. Was das weltpolitisch bedeutete und welche Konsequenzen die Mauer einmal haben würde, das habe ich als Zehnjähriger natürlich nicht nachvollziehen können. Aber dass das etwas ganz intensives war, dass etwas nicht stimmte, das habe ich gefühlt. Es gibt für mich ein ganz einschneidendes Erlebnis dazu. Ich war damals, an dem Tag, als der Bau der Mauer in Berlin begann, mit meinen Eltern im Frankenwald wandern. In Guttenberg verbrachten seinerzeit viele West-Berliner die Sommerfrische. Und als wir von der Höhe hinunter nach Guttenberg kamen, sahen wir, dass die Leute auf der Terrasse des Gasthofes alle an den Transistor-Radios hingen. Sie hörten RIAS-Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor) und verfolgten live die Ereignisse in Berlin. Mein Vater, der den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, hatte eine Vorahnung und erkundigte sich was los sei. Er entschied dann, dass wir die Wanderung abbrechen und sofort zurück nach Hause fahren. Er sagte wortwörtlich „Es gibt wieder Krieg“. Dieser Satz ist mir in Erinnerung geblieben und zeigt, wie die Stimmung damals war.

Wie war die Situation zu dieser Zeit hier in der Region?
Die Menschen hier haben mit der Grenze und den erschwerten Umständen gelebt und die Situation in ihrer demütigen Art hingenommen, hinnehmen müssen. In der westlichen Welt wurde die innerdeutsche Grenze kaum wahrgenommen, weil die damalige Berichterstattung der Medien meistens auf Berlin fixiert war. Dass die innerdeutsche Grenze die gleiche Brutalität hatte, war offensichtlich nicht so spektakulär, obwohl es ja bei uns auch in Mödlareuth als „Little Berlin“ oder in Blankenstein offensichtlich war. Viele meinten, es sei halt so eine Grenze mit Stacheldrahtzaun und Wachtürmen im Abstand von einigen Kilometern.

Wie haben Sie die Grenze bzw. die Teilung in den Jahren danach im Alltag erlebt?
In Naila spürte man das eigentlich wenig. Man lebte einfach damit. Wir waren ja auch nicht jeden Tag an der Grenze. Aber ich erinnere mich an ein Erlebnis während meiner Schulzeit. Wir hatten Wandertag. Bei Blankenstein, wo die Saale die Grenze bildet, an einem Hang machten wir Rast. Wir konnten nach Blankenstein rüberschauen. Unser Lehrer nahm plötzlich sein Taschentuch und winkte nach drüben. Drüben ging ein Dachfenster auf und jemand winkte mit einem Bettlaken zurück. In dem Moment fing unser Lehrer an zu weinen. Die Person auf der anderen Seite war seine Mutter. An diesem Erlebnis merkte ich bereits als Kind, wie tragisch die Grenze war.

Der Nordosten Bayerns war damals in zwei Himmelsrichtungen abgeschnitten, zur DDR und zur Tschechoslowakei. Man sprach von „Totwinkellage“ und vom „Ende der Freien Welt“. Die Einheimischen lebten mit dieser Situation. Sie hatten ihr eigenes Atelier in Issigau und häufig Besuch von Geschäftspartnern von außerhalb. Wie haben Ihre Gäste das wahrgenommen?
Ich habe mit Gästen und Geschäftspartnern damals häufig Fahrten auf der Panoramastraße entlang der Grenze gemacht. Die Sperranlagen, die Türme; die waren richtig fassungslos, das hat sie tief beeindruckt. Wie ich das vorhin sagte, die Brutalität an der innerdeutschen Grenze, das war vielen Westdeutschen nicht bewusst.

Welche Rolle spielt und spielte die Grenze und die DDR für Sie als Fotograf?
Die Grenze war abstoßend und unmenschlich, übte aber auch eine gewisse Faszination auf mich aus. Ich machte damals viele Fotowanderungen mit meinem Vater. Er verdrängte das. Er hatte den zweiten Weltkrieg mitgemacht und lehnte Militär und Gewalt ab. Für mich aber war die Grenze spannend. Die leere Autobahn bei Berg damals, der Blick ins Saaletal auf die gesprengte Saalebrücke an der A9, das hatte etwas Faszinierendes. Ich machte die Grenze später auch zum Thema in meinen Fotografien.

Der 16. September 1979 ist Ihnen sicherlich in Erinnerung. Die Ballonlandung in Dreigrün. Damals rückte Naila in den Fokus der internationalen Öffentlichkeit. Zwei Familien gelang eine spektakuläre Flucht aus der DDR. Mit einem selbstgebastelten Heißluftballon. Sie waren als Fotograf dabei. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Das war eine Sensation. Ich habe morgens einen Hinweis bekommen, dass in bei ein Ballon gelandet sei, wahrscheinlich aus der DDR. Ich bin natürlich gleich los. Der Bereich war weiträumig abgesperrt und bewacht, weil unklar war, was genau geschehen war. Ich durfte natürlich nicht ran. Ich habe mich aber nicht beeindrucken lassen und habe letztendlich doch ein paar Fotos gemacht.
Es war ein riesiges Medienereignis. Alle großen Medien haben darüber berichtet. Meine Fotos mussten dann in kürzester Zeit entwickelt werden und wurden teilweise mit Taxis in die Redaktionshäuser gebracht. Das war damals so. Die Ballonflucht wurde dann später von der Boulevardpresse ausgeschlachtet. Viele Fotos, die in den großen Reportagen zu sehen waren, waren nachgestellt. Wirklich authentische Fotos gibt es nur wenige.

Zehn Jahre später. Im Herbst 1989 stand die Region abermals im Rampenlicht der Öffentlichkeit. In Hof trafen die ersten Flüchtlingszüge aus Prag ein. Konnten Sie damals ahnen, dass sich etwas Weltgeschichtliches ereignete?
Ja, aber die weitere Entwicklung war nicht absehbar und nicht nur ich machte mir Sorgen, ob das alles so friedlich bleibt und ob es einen zweiten 17. Juni geben wird.

Am 9. November 1989 sagte Schabowski diesen berühmten Satz und machte damit die Möglichkeit der Ausreise für DDR-Bürger in die BRD offiziell. In Berlin strömten Tausende an die Grenze. Wie war die Situation hier?
Ich habe die Pressekonferenz mit Schabowski natürlich in den Nachrichten verfolgt. Ich hatte eine Vorahnung und sagte zu meiner Frau, „Du, ich geh´ jetzt“. Ich bin dann am gleichen Abend zur Grenze an der A9 bei Rudolphstein. Da war aber noch nichts. Früh bin ich dann gleich wieder hingefahren. Und dann ging´s los. Die ersten Trabbis kamen über die Autobahn und es wurden täglich mehr. Da sind tolle Fotos entstanden. Die Grenze bei Ullitz an der B173 nach Plauen wurde dann im November geöffnet. Die A72 war ja damals noch gesperrt. Ein Trabbi reihte sich an den anderen. In Hof war die Hölle los. Die Leute standen Schlange für das Begrüßungsgeld. Sie haben Hof leergekauft.

Der Fall der Mauer ist drei Jahrzehnte her. Wie erleben Sie Ost und West heute und was bedeutet die damalige Grenze heute für die Region?
Die Teilung hat natürlich Spuren hinterlassen. Wie ein Blitz, der in einen Baum einschlägt und ihn teilt. Es wird oberflächlich immer eine Narbe bleiben. Aber die Wurzeln sind immer ein zusammenhängender Teil geblieben. Die Wiedervereinigung ist ein Gewinn für alle, aber das sich Wiederannähern braucht Zeit. Es gibt Mentalitätsunterschiede, die es immer geben wird – Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland oder zwischen Franken und Bayern. Die Abriegelung nach Osten war eine besondere Situation – vor allem für uns hier in der Region. Mödlareuth, die Radarstation auf dem Döbraberg, die Abhöranlagen auf dem Kornberg und dem Schneeberg sind Mahnmale und das historische Erbe dieser Zeit. Weltweit gibt es nur wenige Regionen mit einer derartigen Geschichte. Ich bin froh, dass das Vergangenheit ist, finde es aber auch bedauerlich, dass viele authentische Zeugnisse beseitigt wurden, das, was die Region auch ein Stück weit einzigartig macht. Die Chinesen haben ihre Mauer stehen lassen. Warum nicht wir Deutsche, als einzigartige Touristenattraktion und Denkmal für nachfolgende Generationen?

Alle Fotos sind urheberrechtlich geschützt: Copyright by Reinhard Feldrapp.

Feldrapps Blicke: Heimat aus den Augen eines Fotografen – Teil 1 (Natur & Landschaft)

Reinhard Feldrapp

Über Reinhard Feldrapp

Reinhard Feldrapp ist einer der renommiertesten Fotografen in Oberfranken. Die Landschaft des Frankenwaldes, die innerdeutsche Teilung und die Wiedervereinigung, die Entwicklung der Textil- und Porzellanindustrie, das sind die Themen, die ihn über die Jahrzehnte begleiten. Er lernt das Handwerk von der Pike auf. Mit 20 Jahren, 1971, schließt Feldrapp die Ausbildung zum Fotogehilfen ab. Nach den Wanderjahren, die ihn aus der fränkischen Provinz ins mondäne München und nach Nürnberg führen, legt er 1975 die Meisterprüfung ab. Er kehrt zurück nach Naila und eröffnet sein eigenes Atelier. Seither arbeitet Reinhard Feldrapp als freier Fotograf für Unternehmen, Verlage und Behörden und realisiert eigene Projekte.

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