Helmbrechts – eine Stadt, die allen gehört

Wie gewinnt eine Kleinstadt Profil? Wie gibt man ihr eine Zukunft? Wie wird sie ein guter Ort zum Leben und zum Arbeiten? Helmbrechts hat Antworten gefunden.

Die Guerilleros fallen ein. Ihre Taktik: Leerstand besetzen – um ihn neu zu beleben. Ihre erste Okkupation: Das alte Kesselhaus einer früheren Textilfabrik mitten in Helmbrechts. Den großen, hohen Raum mit seinem industriellen Charme, mit seinen Rohren und radgroßen Drehventilen, mannshohen Bedienschränken und einem gewaltigen, klinkerverputzten Brennofen im Zentrum, haben sie in einen Ort der Glückseligkeit verwandelt. Von der Balustrade auf der begehbaren Fläche des Brennofens überblickt man die illuminierte Szenerie. Im gesamten Raum und am Tresen drängen sich die Menschen und der wuchtige Sound der Anlage verwandelt das Kesselhaus wieder in ein Kraftwerk.

Die Besetzung ist geglückt – und sie ist nicht illegal. Die Initiatoren des Helmbrechtser Guerilla-Vereins haben ihre Vorstellungen eines partytauglichen Leerstandmanagements verwirklicht. Seit fünf Jahren gibt es verschiedene Aktionen mit DJs, Bands oder Bier-Tasting, alles ehrenamtlich organisiert.

Entstanden ist der Guerilla-Verein eigentlich aus einer Unzufriedenheit heraus. Jo Baumann, einer von drei Vorständen im Verein, ist regelmäßiger Besucher der Helmbrechtser Kulturwelten. Und weil das Angebot an Kneipen in Helmbrechts für einen Absacker nach den Veranstaltungen sehr überschaubar ist, haben er und zehn weitere Initiatoren selbst ein Angebot geschaffen. „Uns war klar, wenn wir das nicht selbst in die Hand nehmen, dann wird sich nichts verändern.“ So entstand die Idee, das alte Kesselhaus der ehemaligen Textilfirma Gustav Weiß umzuwidmen.

„Es wäre Frevel gewesen, dieses Schmuckstück nicht zu nutzen.“ Jo Baumann

Auch die Stadt gab ihr OK und so wurde kurzerhand der Verein gegründet. „Die Initiierung kultureller und sozialer Impulse mit entsprechenden Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben der Stadt“, so steht es offiziell in der Satzung, das ist der Zweck. „Wir möchten Impulse geben, ein bisschen urbanes Flair in die Provinz bringen und verstehen Leerstand auch als Möglichkeit zur Gestaltung“, sagt der 33-jährige. „Die Resonanz war von Beginn an überwältigend. Viele Helmbrechtser waren unzufrieden mit der Kneipensituation und unterstützen uns jetzt in verschiedenster Form. Es gibt wieder einen Ort, wo die Stadt zusammenkommt zum Feiern.“

Mittlerweile zählt der Guerilla-Verein mehr als 70 Mitglieder in allen Altersklassen. Neben den Abenden im Kesselhaus organisieren sie auch andere Events, „vielleicht acht über das Jahr verteilt. Wir sind für alles offen, ein festes Programm gibt es nicht, Ideen kommen spontan, oft auch durch Impulse von außen.“

Der Helmbrechtser Guerilla-Verein ist ein gutes Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn sich Bürger nicht mit einer Situation zufrieden geben, nicht nur meckern, sondern selbst die Ärmel hochkrempeln, etwas schaffen, wovon am Ende viele profitieren.

Investieren und Zeichen setzen

Unter die Gäste im Kesselhaus mischt sich auch Andreas Sell. Der 34-Jährige gehört zu denjenigen, die ihre Heimatstadt neu schätzen gelernt haben – nachdem er sie nach dem Abitur für einige Zeit verlassen hatte. In München hat er studiert und erste Berufserfahrung gesammelt. Dann ist er in die Region zurückgekehrt. Aus gutem Grund. Seine Familie ist Inhaber der Sell GmbH. Nach einigen Jahren im Vertrieb und Marketing leitet er das Unternehmen heute mit seinem Bruder Michael Sell. Der einstige Flaschnerbetrieb hat sich Schritt für Schritt zu einem heute bundesweit tätigem Spezialisten für Anlagenbau, technische Gebäudeausrüstung und Medienversorgung entwickelt. Mit mehr als 450 Mitarbeitern erwirtschaftete das Familienunternehmen 2017, dem 128. Jahr der Firmengeschichte, einen Jahresumsatz von fast 60 Millionen Euro. Sell schwimmt auf einer Erfolgswelle. Und das liegt auch am Standort.

Andreas Sell - Sell GmbH Helmbrechts
„Helmbrechts hat es geschafft, die Lücke nach dem Strukturwandel zu schließen.“ Andreas Sell, Mitglied der Geschäftsleitung der Sell GmbH

„Wir haben hier sehr treue und loyale Mitarbeiter, die eine langfristige Bindung zu unserem Unternehmen haben“, sagt Andreas Sell. „Und das ist sicherlich eine gute Grundlage für eine erfolgreiche Firmenentwicklung.“ Ein „guter Kern“ als Personalstamm, der mit seinem Engagement den Familienbetrieb wachsen lässt. Vor vier Jahren hat Sell in Helmbrechts ein neues Fertigungs- und Logistikgebäude für fünfeinhalb Millionen Euro gebaut. Das zeigt: „Wir werden auch langfristig den Standort halten. Dieses Zeichen haben wir mit der Investition gesetzt.“

„In Helmbrechts schlägt unser Herz.“ Andreas Sell

Der München-Rückkehrer sieht die Region – besonders seine Heimatstadt – gut aufgestellt. „Wir sind auf einem sehr guten Weg. Helmbrechts hat es geschafft, die Lücke nach dem Strukturwandel, den viele Unternehmen vor allem in der Textilindustrie nicht überlebt haben, zu schließen.“ Die Textilindustrie hat die Stadt nachhaltig geprägt und ist immer noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Heute liegt der Schwerpunkt jedoch auf technischen Produkten und Dienstleistungen. Hinzugekommen sind neue, aufstrebende Unternehmen der Kunststoffbranche, des Maschinenbaus und der Industrietechnik. Helmbrechts ist ein attraktiver Arbeitsort geworden. Mittlerweile gibt es in der 9.000-Einwohner-Stadt mehr berufliche Einpendler als Auspendler.

Alle ziehen an einem Strang

Viele in der Stadt arbeiten daran, dass Helmbrechts auch ein attraktiver Ort zum Leben wird. Nicht zuletzt die Unternehmen haben großes Interesse daran, auch die weichen Faktoren zu stärken und sich in die Entwicklung der Stadt einzubringen. Denn der Bedarf an Fach- und Nachwuchskräften ist groß. Kulturelles Aushängeschild sind die Helmbrechtser Kulturwelten, die jährlich rund 15.000 Besucher in die Stadt ziehen. Das anspruchsvolle Programm bietet Konzerte im Bereich Blues, Jazz, Rock, Worldmusic und Kabarett. Organisator Heinz König – in der Stadtverwaltung unter anderem für Jugend und Kultur zuständig – hat es mit viel Enthusiasmus geschafft, die ganze Stadt für die Kulturreihe zu begeistern. Zu den Sponsoren gehören so gut wie alle Helmbrechtser Unternehmen und viele Privatleute. Ohne diese Unterstützung wären die Dimensionen dieses Kulturevents mit knapp fünfzig Veranstaltungen pro Jahr nicht zu realisieren. Ein Beleg dafür, dass in Helmbrechts alle an einem Strang ziehen. Viele haben Ideen, bringen sich ein und steigern dadurch die Attraktivität.

Der Gemeinsinn bringt Helmbrechts voran. Für Bürgermeister Stefan Pöhlmann ist das der „zentrale Begriff, bei dem alle gemeinsam versuchen, etwas zu bewegen“. Die gute Kommunikation zwischen Wirtschaft, Kommune und Bürgern ermöglicht es, dass ein Lebensumfeld entsteht, in dem sich alle wiederfinden und wohlfühlen. Und die stabile wirtschaftliche Lage gibt der Stadt den notwendigen Spielraum, Projekte neu zu entwickeln, aktiv anzustoßen und zu fördern. Denn: In den vergangenen Jahren kam die Kommune ohne neue Kreditaufnahme aus – hat sogar Schulden getilgt und die Investitionen auch dank der hohen Einnahmen durch die Gewerbesteuer stetig erhöht.

Die Stadt erfindet sich neu

Investiert wird beispielsweise in das Stadtumbaugebiet „Wohnen am Volkspark“. Fast in Zentrumslage hat die Stadt ein siebeneinhalb Hektar großes Baugebiet ausgewiesen, das den künftigen Bauherrn größte architektonische Gestaltungsfreiheit lässt. „Dem modernen, individuellen Bauen sind hier keine Grenzen gesetzt“, betont Pöhlmann. „Wir haben den Bebauungsplan so aufgestellt, dass alle Bauformen möglich sind. Damit liegen wir im Trend – und öffnen auch avantgardistischen Entwürfen die Tür.“

Ebenso ambitioniert konzentriert sich die Kommune auf die Entwicklung der Innenstadt. Hausbesitzer werden durch kommunale Förderprogramme dazu animiert, ihre Häuser zu sanieren. Verwaiste Schaufenster werden zurückgebaut, alter Bestand im Erdgeschoss in Büros und in den höheren Stockwerken in moderne Wohnungen verwandelt. Sind die alten Schaufensterflächen verschwunden, wird ein Gebäude ganz anders wahrgenommen. Es ist nicht Leerstand, es ist potenzieller Wohnraum. Pöhlmann nennt das einen "neuen Innenstadt-Standard". Einer, der vor allem junge Leute reizen kann, in eine schicke Altbauwohnung zu ziehen. Auf dem Gelände einer ehemaligen Weberei hat die Stadt ein neues Areal für Veranstaltungen, Feste und Märkte geschaffen. So verwandelt sich das Zentrum Stück für Stück. Die Initiative zahlt sich aus und steckt an. 2015 hat sich in der Innenstadt ein Hotel angesiedelt, die Villa Weiss, wo seither unter anderem Seminare für klassische Musik angeboten werden. In der gleichen Straße haben ein Buch-Cafe, ein Nähladen, das Genusslädla und ein Biergarten eröffnet.

Helmbrechts hat ein Herz für Ideen, und Menschen die sie umsetzen. Beste Voraussetzungen für eine lebendige Stadt.

Text: Jörg Raithel und Michael Ertel
Fotos: Guerilla-Verein Helmbrechts, Stadt Helmbrechts
Erstveröffentlichung: Wirtschaftsregion Hochfranken e.V.

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