Befreites Herz: Das Muttodaya Kloster in Stammbach

Meditation erfreut sich in turbulenten Zeiten größter Beliebtheit. Dabei wird die buddhistische Technik häufig mit autogenem Training, Yoga oder anderen Entspannungstechniken gleichgesetzt. Jedoch ist das Ziel dieser Praxis ein viel höheres, als das einfache Abschalten vom Alltag. StadtLandHof-Bloggerin, Jennifer Müller, war im Muttodaya Waldkloster in Stammbach zu Gast und hat dabei mit einem der Mönche über das Angebot der Einrichtung gesprochen.

 

Es ist ein verregneter Vormittag, als ich in Herrnschrot, einem Ortsteil der Marktes Stammbach, parke. Hier am Waldrand steht das Kloster Muttodaya, das ich besuchen will. Was mich erwartet, weiß ich nicht genau. Am Telefon hat mir der Senior Mönch nur gesagt, dass wir um 12:15 sprechen können, ich aber gegen 10:30 Uhr kommen soll. „Bitte Schuhe ausziehen“ steht an der Eingangstür. Ich komme der Aufforderung nach und betrete auf Socken vorsichtig das dunkle Kloster.

Nur das Klappern in der Küche zu meiner Linken verrät, dass sich hier Menschen aufhalten. Dort brennt Licht, während die anderen Räume dunkel sind. Und auch an den Temperaturen spürt man, dass hier sparsam mit Ressourcen umgegangen wird. Ein Grund dafür ist die Regel, dass die hier wohnenden Bettelmönche ausschließlich von Almosen leben dürfen. Ein weiterer, dass man hier auf Luxus verzichtet.

Weil es sich richtig anfühlt

Wärme kommt mir allerdings trotzdem entgegen, als mich einer der Gäste herzlich begrüßt. Benni ist 38 Jahre alt, restauriert beruflich Autos und reist viel. Zusammengerechnet hat er bisher insgesamt 15 Monate hier verbracht. Den Kulmbacher zieht es immer wieder nach Stammbach. „Weil es sich richtig anfühlt“, sagt er. Das Waldkloster Muttodaya empfängt das ganze Jahr über internationales Publikum.

Dann bietet Benni mir Tee an und erklärt mir kurz die Raumaufteilung. Im unteren Geschoss befinden sich Küche und Speiseraum. Durch einen kleinen Flur gelangt man zu Bibliothek und Meditationssaal – beides öffentliche Räume, die Gäste auch spontan jederzeit besuchen können. Im Obergeschoss befinden sich die Gästezimmer. Nebenan gibt es eine kleine Hütte für die weiblichen Besucher. Die Mönche selbst leben ebenfalls in Hütten, die im Wald verstreut sind.

Benni ist nicht der einzige Gast, der sich auf die Mahlzeit vorbereitet. Zwei ältere Männer halten sich im Hintergrund, helfen in der Küche oder lesen. Direkt neben mir sitzt eine dreiköpfige Familie, bestehend aus Eltern und ihrer Tochter. Wie ich erfahre, ist die Gruppe heute extra mehr als drei Stunden angereist, weil die in Thailand geborene Mutter Geburtstag hat. Traditionell hat diese in der Nacht aufwendig für die Mönche gekocht. Ich versuche mir umständlich den Namen der thailändischen Gerichte erklären zu lassen. Der Vater reduziert es schließlich freundlicherweise auf „Nudeln Thai-Style“. Alle lächeln mich unglaublich herzlich an, dabei nicken wir uns zu.

Theravada – die älteste buddhistische Tradition

Muttodaya bedeutet „Befreites Herz“ in Pali, der Sprache des frühen Buddhismus. In der gleichen Sprache wurden auch die Namen der Mönche vergeben. Einer von ihnen betritt jetzt breit grinsend den Speisesaal und begrüßt mich herzlich. Dann lädt er mich ein, gleich an der Segnung teilzunehmen, um danach gemeinsam mit den anderen zu essen. Anschließend sei Zeit für mein Interview mit dem Senior Mönch. Die Gastfreundlichkeit hier beeindruckt mich. Die Mönche sind existentiell abhängig von den freiwilligen Spenden, die sie während ihrer täglichen Almosengänge erhalten. Das hält sie jedoch nicht davon ab, mit all ihren Gästen zu teilen. Ob diese sich im Gegenzug durch Zuwendungen revanchieren beruht auf absoluter Freiwilligkeit. Ich bin froh, Käse und Butter mitgebracht zu haben. Was aktuell benötigt wird, konnte ich am Morgen der Website entnehmen.

2600 Jahre alte Regeln des Buddha

Der freundliche Bettelmönch erzählt mir nun, dass hier im Waldkloster “Theravada”, die älteste aller buddhistischen Traditionen, gelebt wird. Diese existiere bereits seit ca. 2600 Jahren. Unter anderem die Nahrungsaufnahme werde von dieser Tradition geregelt. „Nur einmal täglich, bis zum Sonnenhöchststand, dürfen wir Mönche etwas essen. So gilt es zumindest in Thailand. Bei unseren klimatischen Verhältnissen ist es ausnahmsweise gestattet, am Morgen ein leichtes Frühstück einzunehmen“, erklärt er.

Weitere Regeln kann ich beobachten, als die zwei anderen Ordensbrüder den Raum betreten. Der Tisch ist gut gedeckt, doch weil sie nichts annehmen dürfen, können sie sich nicht einfach bedienen. Ein Gast muss ihnen die Speisen „offerieren“. Heute übernimmt das der Vater aus dem Harz. Er hebt alle Schüsseln und Teller kurz an, um sie dem Mönch symbolisch zu überreichen. Dann befüllen sich die drei Klosterbrüder ihre Almosenschalen, während sich alle anderen in den Meditationssaal begeben, um deren Segen zu empfangen.

Alle Gäste haben hier jetzt vor dem Altar auf einem Meditationskissen platzgenommen. Ich tue es ihnen gleich und lausche kurz der Stille. Dann betreten auch schon die drei Klosterbrüder den Saal, knien sich vor den Altar und verbeugen sich mehrmals, bevor ihr Mönchsgesang in Pali den Raum erfüllt. Das kurze Prozedere erinnert mich stärker an die westlichen Kirchentraditionen, als ich erwartet habe. Nach ein paar Minuten ziehen sich die Mönche wieder in ihre Hütten zurück und die Gäste dürfen essen. Die thailändischen Gerichte der Besucherin schmecken köstlich. Ich mache unbeholfen Komplimente, weil ich nicht sicher bin, ob sie überhaupt Englisch spricht, aber merke schnell, dass für Wertschätzung keine Worte nötig sind.

Gespräch mit dem Senior Mönch

Nach der Mahlzeit versuche ich mich ins Aufräumen einzubringen, dann begebe ich mich in die Bibliothek, wo ich mit Ajahn Cattamalo Bhikkhu verabredet bin. Dass „Cattamalo“ in Pali so etwas ähnliches bedeutet, wie Aufgeben von Verunreinigung, erklärt er mir auf Nachfrage. Seinen Namen hat der 54-Jährige bekommen, als er vor 30 Jahren ordinierte.

Meditation in Thailand

Seit 11 Jahren gibt es das Muttodaya Kloster bereits. Der Senior Mönch hat es mit einem anderen Bruder gegründet. Zuvor ist der in Duisburg geborene Mann viel herumgekommen. Schon im Jugendalter hat er mit dem Reisen begonnen. Ist durch die Welt getrampt, hat sie erkundet. Bereits als junger Erwachsener entdeckt er dann die Meditation für sich, damals noch mit seiner Partnerin. Als die Beziehung auseinandergeht, macht der damals 22-Jährige Ernst: “Da habe ich gesagt, das will ich jetzt auch auf die Probe stellen. Und plötzlich hörte ich etwas von Meditation in Thailand.”

Der junge Mann beschließt zunächst nur für ein halbes Jahr dort zu bleiben. “Aber danach habe ich gesagt: Nö, ich komme nicht wieder.” Stattdessen bleibt er für sieben Jahre in Thailand und durchläuft das übliche Prozedere, um Mönch zu werden. “In der Waldtradition ist man erst mal Anwärter. Man lebt im Kloster, hält die Grundregeln ein, wie das Zölibat, rasiert sich den Kopf und so weiter. Nach einem Jahr kann man Novize werden, nach einem weiteren Jahr kann man sich als Mönch ordinieren lassen. Theoretisch, wenn du 20 Jahre alt bist, kannst du auch schon morgen ordinieren. Aber in einem guten Trainingskloster wird das niemand machen.” Die Bedingungen in seinem Trainingskloster fand er genial: “Dort war es optimal. Ich habe da so viel über mich selbst gelernt, unglaublich tiefe Wurzeln geschlagen. Da profitiere ich heute noch davon. Und wenn jetzt jemand hierher kommt, weil er ordinieren will, schicken wir ihn meistens auch erst mal nach Thailand.”

“Wir wollten dem Buddhismus in Deutschland eine echte Chance geben” (Ajahn Cattamalo Bhikkhu, Senior Mönch)

Nach seinem Aufenthalt besucht der Mönch seine Eltern und verbringt den Winter mit ihnen. Danach macht er sich wieder auf die Reise. 13 Jahre verschlägt es ihn diesmal nach Australien, anschließend landet er erneut in Thailand. “Dort habe ich dann einen deutschen Mönch kennengelernt. Und der sprach gerade davon, hier in Deutschland ein Kloster zu gründen. Wir wollten dem Buddhismus hier in Deutschland eine echte Chance geben.” Raimund Beyerlein, buddhistischer Buchverleger, Nachbar und Unterstützer des Waldklosters entdeckt dann das zu versteigernde Grundstück in Herrnschrot.

Den Menschen eine Wahl bieten

Doch, was lernt man eigentlich in einem Kloster? Und für wen kommt so ein Klosterbesuch in Frage? “Wir sind hier keine Klinik für Retreat”, stellt der Mönch als erstes klar. Deshalb sei die Website der Einrichtung auch “bewusst abschreckend” gestaltet, lacht er. “Wir sind immer freundlich, es gibt immer etwas zu essen, aber wenn du dann den ganzen Backpacker-Stream hast, ist das nicht unbedingt gut. Das Verhältnis Mönche-Gäste sollte schon einigermaßen ausgewogen sein. Wir bieten ja auch Einzelgespräche an oder gehen nach der Meditation ins gemeinsame Gespräch.” Außerhalb dieser Angebote erfordere der Aufenthalt vor allem ein großes Maß an Eigenverantwortung und Selbstdisziplin. “Am Nachmittag ziehen wir uns auf unsere Hütten zurück. Da ist bis zur Abendmeditation erst mal gar nichts. Da sollten die Leute schon in der Lage sein, ihre Zeit mit sich selbst zu verbringen. Darum versuchen wir den Gästen schon etwas Ernsthaftigkeit abzuverlangen. Wir erhoffen uns Besucher, die schon ein bisschen gefestigt sind in der Praxis, so dass wir ihnen einen Ort bieten können, wo sie mit den Mönchen leben und praktizieren können. Wo sie die Wahl haben.”

 

Der inflationäre Gebrauch des Wortes “Achtsamkeit” bringt den Mönch ein wenig zum Schmunzeln. “Mit Achtsamkeit trainiert man Soldaten darauf, besser töten zu können”, lacht er, “Es kommt schon auch auf den Kontext an, in den man sie einbindet.” Zwar könne er gut nachvollziehen, dass die Menschen sich heutzutage versuchen, etwas von Buddha abzuholen und spricht dem auch seine Berechtigung zu. Jedoch räumt er ein, dass das Ergebnis ohne die Einbindung in buddhistische Werte, wie die vier edlen Wahrheiten, womöglich nicht dasselbe sei. “Die Idee von Meditation variiert. Manche praktizieren sie wie Yoga. Wichtig im Kontext der Buddhalehre ist aber zu verstehen, dass die Meditation zwar im Zentrum steht, weil Geistesentwicklung und -entfaltung natürlich am wichtigsten sind, aber dass das Ganze eine Grundlage braucht. Am Ende steht die Weisheit, Einsicht und schließlich die Befreiung. Deshalb ist die Meditation auch eingebunden in den achtfachen Pfad.” Dort seien unter anderem ethische Teilaspekte, wie die rechte Rede, die rechte Ansicht oder die Herzensreinigung verankert, die in Verbindung mit der Praxis, zu ebendiesen Zielen führen sollen. “Ich muss halt wissen, wofür ich meditiere”, empfiehlt der Mönch.

 

Befreiung als Ziel

Im Waldkloster Muttodaya haben die Praktizierenden die Möglichkeit, Eigenverantwortung zu übernehmen. Sich selbst zu erkennen und anzunehmen. Unabhängigkeit und einen freien Geist zu erlangen. Es ist klar, dass es hier nicht um ein paar Tage Wellness geht. Hier, in der Stille, setzen sich die Gäste mit dem auseinander, was sie im Lärm des Alltags nicht wahrnehmen (wollen). Dass in dieser Zeit mit sich allein nicht nur angenehme Gefühle zutage treten, sollte klar sein. Meditation ist harte Arbeit an sich selbst. “Allein schon zu beobachten, welch eine Gier in diese eine Mahlzeit fließen kann. Das ist die einzige sinnliche Befriedigung, die hier am Tag abgeht.” Dieser Verzicht erfordere langfristig, dass man durch die Meditation eine Freude und Zufriedenheit erlange, die den Wegfall des weltlichen Glücks wett mache. Und so fühlt sich der Mönch unabhängig und frei, weil es ihn einfach nicht mehr traurig oder ärgerlich mache, wenn es nicht das Essen gibt, das er gerne mag.

 

Zuletzt erklärt mir mein Gastgeber noch kurz das Prozedere, wenn man einen Klosteraufenthalt plant. “Wenn jemand kommen möchte, sollte er sich er zunächst die Bedingungen auf der Website anschauen. Am besten schreibt man uns dann eine E-Mail und gibt gleich einen Zeitraum an. Wir schicken dann ein Gästeformular und wenn wir in dieser Zeit Platz haben, können die Leute gerne kommen.” Fünf Tage sei die Empfehlung für Erstbesucher.

Als wir uns verabschieden, merke ich, dass ich friere. Ja, der Verzicht auf den Luxus molliger Raumtemperaturen ist hier eindeutig spürbar. Ich muss zugeben, dass mir die Aufgabe all dieses weltlichen Komforts schwer zu schaffen machen würde. Doch gleichzeitig stelle ich fest, dass ich die Disziplin der Mönche bewundere. Die gnadenlose Konfrontation mit den eigenen Bedürfnissen und Unzulänglichkeiten durch Meditation ist intensive Arbeit an sich selbst. Nur ein klein wenig mehr davon würde uns Menschen sicher gut tun.

 

 

 

muttodaya_logo_web

Muttodaya Waldkloster

Herrnschrot 50
D-95236 Stammbach

 

Telefon: 09256 – 960435
Website: www.muttodaya.org
E-Mail: post@muttodaya.org

Ein Kommentar

  • Wow, ein absolut inspirierender Beitrag! Leider habe ich niemanden gesehen als ich vor einigen Monaten dort war, um so mehr freut mich euer Bericht. Dieser Ort ist so beruhigend! Viele Grüße

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