Hofer Land: Land der Vereine und des Ehrenamts

Das Hofer Land ist eine Region der Vereine: In jeder Stadt, in jedem Dorf engagieren sich Menschen ehrenamtlich für die Gemeinschaft, den Sport oder die Tradition. Doch stellt sich die Frage, woher diese breit aufgestellte Struktur überhaupt kommt und vor allem, welche historischen Entwicklungen sich dahinter verbergen.

Der Heimatforscher Adrian Roßner beleuchtet in diesem Beitrag die historischen Hintergründe unserer vielfältigen, sehr engagierten Vereinslandschaft. In einer Serie stellen wir immer wieder #vereineimhoferland vor.

Geschichte des Vereinswesens im Hofer Land

Die Geschichte des Vereinswesens in Stadt und Landkreis Hof beginnt im frühen 19. Jahrhundert, als im Rahmen wirtschaftlicher Veränderungen ein kleiner Teil der Gesellschaft zum ersten Mal überhaupt so etwas Ähnliches hatte wie „Freizeit“.

Vorher war dieser Begriff schlichtweg unbekannt, da der Tag durchgehend für ganz verschiedene Arbeiten reserviert gewesen ist. Selbst Handwerker mussten oftmals nach anstrengenden Stunden in der Werkstatt noch einmal auf die eigenen Felder fahren, um eine nebenbei betriebene Landwirtschaft zur Selbstversorgung am Laufen zu halten. Das ließ „freie Zeit“ zu einem Ding der Unmöglichkeit werden.

Wohlstand und freie Zeit: Erste Vereine entstehen

Dann allerdings trat ein tiefgreifender Wandel ein: Ausgehend von der händisch betriebenen Weberei hatte sich im 18. Jahrhundert das Verlagswesen etablieren können, bei dem Produktion (also die Handweberei) und Vertrieb (über den namensgebenden Verleger) voneinander getrennte Abläufe darstellten. Wie es zu dieser Entwicklung kam, erzählt ein früherer Beitrag zur Geschichte der Industriekultur.

Die Verleger stiegen schnell zu den tonangebenden Instanzen der Ökonomie auf und stellten schon bald eine bürgerliche Elite in der Gesellschaft. Das damit einhergehende Denken, sich „vom gemeinen Haufen“ (wie es die Münchberger nannten) distanzieren zu wollen, führte schließlich in den 1790er Jahren zur Gründung erster „Bürger-Ressource-Gesellschaften“, deren meist kapitalstarke Mitglieder sich regelmäßig zusammensetzten, um der Zerstreuung zu frönen.

Typisch fürs Hofer Land: Bürgervereine

Derlei Bürgervereine sind in fast allen größeren Städten des Hofer Landes nachweisbar: In Gestalt der Gartengesellschaft und der Bürgergesellschaft in Hof ebenso, wie im später in „Harmonie“ umbenannten Club in Münchberg. Auch wenn in den Statuten vorgeschrieben war, dass das Geschäft außerhalb der Mauern zu bleiben habe, stellten diese Clubs selbstverständlich auch ein wichtiges Netzwerk für unbürokratische Absprachen zur Verfügung, da sich wirtschaftliche und politische Entscheidungsträger abseits der öffentlichen Bühne austauschen konnten.

Erbe der historischen Vereine: Vereinslokale prägen das Bild der Städte

Einige dieser wohlhabenden Vereine errichteten im Hofer Land beachtenswerte Versammlungshäuser, die noch heute als repräsentative Veranstaltungsorte bekannt sind, auch wenn es die dazugehörigen Vereine teils nicht mehr gibt. Als Beispiele seien in der Stadt Hof die Bürgergesellschaft und die Gartengesellschaft mit ihren Ballsälen genannt oder die Harmonie in Lichtenberg. Ebenso geht der Bürgerpark Theresienstein in Hof auf eine Initiative des städtischen Bürgertums unter der Regie des Verschönerungsvereins zurück.

Weiterlesen zur Geschichte, Ausblicken und Freizeitangebot des Bürgerparks Theresienstein

Auch viele Gastwirtschaften errichteten in dieser Zeit große Säle, um Versammlungsstätten für die rasch wachsenden Vereine zu schaffen. Das Wirtshaus im Püttners- oder Laubmannsgarten an der Hofer Bismarckstraße etwa baute 1875 einen Ball- und Konzertsaal und benannte sich 1886 in „Vereinshalle“ um. Später als „Silberspindel“ bekannt, diente das prachtvolle Gebäude als Ballsaal und bis in die 1980er Jahre als Diskothek.

Kunst, Musik, Gesang, Persiflage: Eine bunte Vereinslandschaft entsteht

Das elitäre, beinahe hochnäsige Denken wandelte sich zur Mitte des 19. Jahrhunderts: Eine neue Kaste von Unternehmern, die sich großteils selbst hochgearbeitet hatten und daher eine größere Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern und der Gesellschaft im Ganzen verspürten, bauten die Vereinslandschaft komplett um und übernahmen auch die alten Ressourcen. Sie öffneten sie für breitere Teile der Bevölkerung und inszenierten künstlerische Darbietungen, die allen Menschen offenstehen sollten. Parallel dazu wurden Kunst-, Musik- und Gesangvereine ins Leben gerufen, die einen elementaren Teil zur Stadtkultur beitrugen.

Daneben etablierten sich die ersten „Spezialvereine“, deren Ziele in manchen Fällen ein wenig seltsam erscheinen mögen: Pfeifen-Clubs beispielsweise fanden sich zusammen, um den Mitgliedern entspannte Stunden zu ermöglichen, wobei „es besonders wünschenswert ist, dass jedes Mitglied dabei seine Pfeife raucht“.

Die Mitglieder des Münchberger „Gimpelvereins“ trafen sich zur „gimpelhaften Abendunterhaltung“. Was auch immer darunter zu verstehen ist.

Kein Wunder, dass sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Institutionen gründeten, die diese elitären Institutionen persiflierten. Das bekannteste Beispiel dürfte die Schlaraffia sein, doch gab es auch lokale Pendants. Der Münchberger „Gimpelverein“ zum Beispiel bestand aus namentlich nicht bekannten Mitgliedern, die sich zur „gimpelhaften Abendunterhaltung“ trafen, worunter man verstehen kann, was man will. Leider sind von diesem Verein nicht viel Informationen erhalten geblieben, was sicher auch daran lag, dass die Unterlagen laut Satzung bei Auflösung des Vereins verbrannt werden sollten, was mit „traurigem Pfeifen“ einherzugehen hatte.

Den Feierabend sinnvoll füllen: Turn- und Sportvereine entstehen

In den 1880er Jahren kam schließlich ein erneuter Wandel auf die Vereinsstruktur zu: Arbeiterinnen und Arbeiter schlossen sich ebenfalls zusammen, nachdem sie durch die strengen Regelungen in den modernen mechanischen Fabriken nicht allein (zum ersten Mal überhaupt!) feste Arbeitszeiten vorgegeben bekamen, sondern dadurch auch eine quasi verordnete Freizeit sinnvoll füllen mussten.

Es ist die große Zeit der Turn- und Sportvereine, die teilweise von den Fabrikarbeitern selbst, teilweise unter Mitwirkung der Industriellen ins Leben gerufen wurden. Darüber hinaus gab es verschiedene Zusammenschlüsse zur Fortbildung (Maschinisten- und Webervereine, Färbergenossenschaften und vieles mehr) und auch zur politischen Betätigung, was schnell die Angst vor „sozialdemokratischen Umstürzen“ hochkochen ließ, die sich jedoch erst im Ersten Weltkrieg entluden.

Aus der „Turner-Wehr“ wird die Feuerwehr

Aus den Turnvereinen heraus gründeten sich später vielerorts die Freiwilligen Feuerwehren. Die Turner  wollten ihre durch das Training erworbene Sportlichkeit zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen. Wie in vielen anderen Orten auch rekrutierte sich etwa die erste Löschmannschaft des Örtchens Zell im Fichtelgebirge aus den Mitgliedern des Turnvereins. In Münchberg waren die Feuerwehrler daher sogar als „Turner-Wehr“ bekannt. Dazu ein Ausflugstipp: Mit der Geschichte der Feuerwehren befasst sich das Oberfränkische Feuerwehrmuseum in Schauenstein bei Hof (Video zum Schauensteiner Feuerwehrmuseum: Adrians G’schichtla des BR.)

Konsum- und Rabatt-Vereine: Historische Vorläufer des „Punktesammelns“

Eine besondere Rolle nahmen „Konsumvereine“ ein, die ebenfalls oft unter Mitwirkung der Unternehmer gegründet wurden. Dabei ging es darum, durch Einlagen den vergünstigten Ankauf von Lebensmitteln zu ermöglichen, die anschließend an die Mitglieder weitergegeben werden konnten. Oft waren diese Einrichtungen auch mit Sparkonten verbunden, was die starke Aufstellung von Genossenschaftsbanken im Hofer Raum erklärt.

Ganz und gar nicht begeistert von dieser Konkurrenz waren am Beginn des 20. Jahrhunderts die Händler, die versuchten, durch „Rabatt-Spar-Vereine“ die Kunden an sich zu binden. Das System war ähnlich wie heutige Punkte-Sammlungen: Bei jedem Einkauf erhielt man eine Marke, die in ein Heftchen geklebt werden und gegen Rabatte eingetauscht werden konnte.

Historische Umbrüche prägen unsere Vereinslandschaft

Der Erste Weltkrieg und insbesondere die dunkle Zeit der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft brachten das rege Vereinsleben im Hofer Raum durch die „Gleichschaltung“ komplett zum Erliegen. Viele der traditionsreichen Institutionen, wie die Münchberger Harmonie, gingen in den 1930er Jahren ein.

In der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg entstanden vor allem Sportvereine. Andere Vereinsformen ging durch die Umbrüche der Geschichte verloren.

Andere Vereine aber wagten während der Zeit des Wirtschaftswunders den Neu-Anfang. Vor allem solche, die sich dem Sport verschrieben haben, wie Wintersport- und Fußballvereine, schossen aus dem Boden. Sie trugen so dazu bei, dass die Zeit des ökonomischen Aufschwungs sich wiederum direkt auf die Buntscheckigkeit der Kultur auswirkte! Bis heute kann das Hofer Land stolz sein auf seine Vereinslandschaft, in der sich tausende Menschen ehrenamtlich und unentgeltlich für die gute Sache einsetzen.

Neugierig geworden auf die vielfältigen Arbeit der Vereine in Stadt und Landkreis Hof?

Einige Vereine haben wir bereits auf Stadt.Land.Hof vorgestellt. Weitere werden folgen.

 

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Adrian Roßner

Adrian Roßner ist “Bestellter Kreisarchivpfleger” des Landkreises Hof. Doch das ist nur eine seiner vielen Funktionen und Ehrenämter. Bekannt ist er auch durch das TV-Format “Adrians G’schichtla” im Bayerischen Rundfunk. Bei Stadt.Land.Hof schreibt er immer wieder über Themen der Heimatgeschichte und des Brauchtums.