Mödlareuth, ein 50-Seelen-Dorf an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen, einst getrennt durch den eisernen Vorhang, heute Erinnerungsort, Mahnmal und Symbol der innerdeutschen Teilung. In diesem Jahr feiert das Deutsch-Deutsche Museum Mödlareuth 30 Jahre Friedliche Revolution in der DDR. Die Besucher erwartet ein vielfältiges Programm. Patrick Leitl, ehemaliger Museumsführer, kehrt zurück nach Little Berlin.
Ein kleines Dorfwirtshaus, eine Dorfschule, ein Löschteich und am Sonntag ging es zum Gottesdienst nach Töpen. Das kleine Dorf Mödlareuth an der bayerisch-thüringischen Landesgrenze war eigentlich ein kleines verschlafenes Nest in einer idyllischen Gegend wie so viele andere auch in Deutschland. Wäre nicht ausgerechnet dieser kleine Tannbach inmitten des Dorfes. Er trennte seit Jahrhunderten Bayern und Thüringen formal voneinander, spielte im Alltag der Bewohner aber ansonsten keinerlei Rolle – bis nach dem Zweiten Weltkrieg eben jener Bach zur Demarkationslinie wurde, zur Grenze der künftigen Besatzungszonen.
Was dann folgte ist bekannt. Die Alliierten überwarfen sich, der Kalte Krieg begann und auf deutschem Boden gründeten sich zwei deutsche Staaten. Der Tannbach wurde Staatsgrenze und Mödlareuth zur Kuriosität: Ein kleines Dorf, 50 Einwohner, geteilt zwischen West und Ost, Demokratie und Kommunismus und in der Mitte eine Mauer. Aus Mödlareuth wurde Little-Berlin und damit ein Hotspot am Eisernen Vorhang.
So hatte ich an unzähligen Wochenenden während meines Studiums die Führungen durch das Deutsch-Deutsche Museum eingeleitet. Vor mir saßen dann Fußballfans aus Nordrhein-Westfalen, Schüler aus Schwaben oder auch mal eine Hochzeitsgesellschaft, die zwischen Standesamt und rauschendem Fest der Verwandtschaft das kleine Dorf zeigen wollte. Drei, vier Besuchergruppen hintereinander pro Museumsführer waren keine Seltenheit.
Angefangen hatte ich 2009 und das Interesse an Mödlareuth war anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Berliner Mauerfalls enorm. Und weil mich das Dorf nie so recht losgelassen hat, hab ich mich immer wieder gefragt: Warum eigentlich?
Jetzt, zehn Jahre später sitze ich wieder hier und trinke auf der Suche nach Antworten einen Kaffee mit Robert Lebegern, damals wie heute Leiter des Deutsch-Deutschen Museums. Lebegern ist so etwas wie der Mann für alle Fälle: Wenn sich der Historiker mit seinem sympathischen Oberpfälzer Slang nicht gerade um das übliche Museumsgeschäft kümmert, führt er Besuchergruppen aus Südkorea durchs Freigelände, vernetzt sich mit anderen Grenzmuseen aus ganz Deutschland oder organisiert neue Ausstellungen.
Das Jahresprogramm fällt 2019 noch üppiger aus als sonst schon. Es ist Jubiläumsjahr: 30 Jahre Friedliche Revolution in der DDR, 30 Jahre Mauerfall. Und weil Mödlareuth nach wie vor die Menschen in seinen Bann zieht und Besucher aus aller Welt anlockt, werden es dieses Jahr wohl noch mehr als sonst. „Wir haben durchschnittlich 80.000 Besucher im Jahr, rund 1.000 Besuchergruppen, 400 davon sind Schulklassen. Dieses Jahr erhoffen wir uns 100.000 Besucher“, sagt Lebegern. Ich rechne nach: Das sind rund 2.000 Besucher pro Einwohner.
Das von Lebegern und seinem Team zusammengestellte Programm ist vielfältig: Die Eröffnung einer Sonderausstellung zu den Prager Botschaftsflüchtlingen ist ebenso geplant wie Seminare zum Grünen Band, Workshops, ein Schülercampus, Jugendwettbewerbe der Landeszentrale für politische Bildung, ein Ausstellungs- und Medienprojekt zu den Themenbereichen „Grenzöffnungen im Landkreis Hof“ und „Leben im Grenzgebiet“, mehrere Vorträge und Gedenkveranstaltungen. Anfang November wird schließlich eine Lichtinstallation den Verlauf der Mödlareuther Mauer quer durch das Dorf nachahmen. Konzipiert wird das Projekt von den Machern von Kronach leuchtet.
Denn bei all den Veranstaltungen, steht sie doch im Mittelpunkt: Die Mödlareuther Mauer, 1966, fünf Jahre nach Berlin erbaut. An ihr standen bereits US-Präsident George Bush Senior, Bundespräsident Karl Carstens, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß. Zahlreiche Filmteams waren schon hier, erst vor kurzem diente sie als Vorlage für den ZDF-Blockbuster „Tannbach“. Die Geschichte eines Dorfes, geteilt in Ost und West, sahen regelmäßig über sechs Millionen Menschen.
„In Mödlareuth haben verdienstvolle Bürger bewahrt, was mitten in Deutschland heute unvorstellbar gewordener Alltag gewesen ist“, meint der Historiker Professor Klaus-Dietmar Henke, seines Zeichens Beiratsvorsitzender der Stiftung Berliner Mauer und renommierter Experte in Sachen deutsche Teilung.
Mödlareuth ist ein Dorf wie jedes andere und genau deshalb offenbart sich vor allem hier an der ursprünglich 700 Meter langen Mauer die ganze Absurdität und Grausamkeit dieser Grenze, die „unvorstellbar gewordener Alltag“ war. Wie unter einem Brennglas ist hier die Vielzahl von Sichtweisen, Erinnerungen und Geschichten in einem kleinen Dorf zusammengefasst. Weltgeschichte kompakt.
Wie komplex, zynisch und raffiniert die Grenzsicherungsanlagen des angeblichen „antifaschistischen Schutzwalls“ waren, wie der Alltag im militärischen Sperrgebiet des Schutzstreifens aussah – der Ort lässt das auch 30 Jahre später auf beklemmende Weise erahnen. Das macht die Faszination aus. Mödlareuth symbolisiert das Grenzregime der SED-Diktatur, die ihre Bevölkerung einsperren und aushorchen musste, weil sie sonst nicht überlebensfähig gewesen wäre. Mödlareuth erzählt die Geschichte von Familien, die durch die Mauer getrennt wurden. Von Kontaktverboten gen Westen, Ausgangssperren und Flucht. Es gibt keine gemeinsame Erinnerung an die deutsche Teilung. Es gibt die Ost-/West-Perspektive, die Täter-Opfer-Perspektive, die Generationen-Perspektive und die Frage, wer überhaupt Täter und wer Opfer war. Egal mit welchem Hintergrund man nach Mödlareuth kommt, kalt lässt den Besuch niemanden und ich glaube genau das ist die Antwort auf meine Frage.
Mödlareuth ist ein Symbol der deutschen Teilung, symbolträchtiger Ort der innerdeutschen Teilung (die nicht gleichzusetzen ist mit der Teilung Berlins). Mödlareuth „muss als Mahnung lebendig gehalten werden“, sagt der Zeithistoriker Henke.
Genau aus diesem Grund wird das Museum in den nächsten Jahren konzeptionell erneuert und vergrößert. Das ist dringend notwendig, denn es platzt angesichts des Besucheransturms schier aus allen Nähten. In den nächsten Jahren wird ein neuer Museumskomplex gebaut. Standen bisher lediglich 250 Quadratmeter für Ausstellungen zur Verfügung, sollen es künftig 500 für eine Dauerausstellung und 150 für Sonderausstellungen sein. Hinzu kommen neue Büro- und Seminarräume. Auch das Außengelände rund um die Mödlareuther Mauer wird neugestaltet werden. „Mödlareuth als Museum und Erinnerungsort lebt schon heute vor allem von seiner Authentizität. Darauf soll zukünftig noch stärker das Augenmerk gelegt werden“, erklärt Lebegern. Das heißt auch, dass das Freigelände neugestaltet wird: Was nicht hier in Mödlareuth im Original an der Grenze stand, kommt weg.
30 Jahre deutsch-deutsche Geschichte
Reinhard Feldrapp ist einer der renommiertesten Fotografen in Oberfranken. Im Jahr des Mauerbaus, 1961, war er gerade zehn Jahre alt. Feldrapp wächst in Naila auf, keine zehn Kilometer entfernt von der einstigen Grenze zwischen BRD und DDR. Die innerdeutsche Teilung, das Hüben und Drüben und schließlich die Wiedervereinigung haben den Fotografen über die Jahre seines Schaffens begleitet. Reinhard Feldrapp im Interview über drei Jahrzehnte deutsch-deutsche Geschichte. Teil 2 der Serie Feldrapps Blicke.
Über zwölf Millionen Euro soll das kosten, gefördert durch Mittel des Bundes und der Freistaaten Thüringen und Bayern. Am entsprechenden europaweiten Architektenwettbewerb haben sich etwa 100 Büros beteiligt. Auch das ein Beleg dafür: In diesem kleinen Dorf wurde Weltgeschichte geschrieben.
Robert Lebegern freut sich schon auf das neue Haus und die sich dadurch ergebenden neuen Chancen und Möglichkeiten und rechnet dann mit über 100.000 Besuchern jährlich. Den Museumsführern wird also nicht langweilig werden. Die Mödlareuther selbst sehen das Ganze gelassen. Den Trubel um ihr Dorf sind sie gewohnt.
Geteilt ist das Dorf übrigens noch heute in einen bayerischen und thüringischen Teil. Mit allem was dazu gehört: Zwei zuständige Bürgermeister, zwei Postboten, zwei Postleitzahlen, zwei Schulsprengel, Telefonvorwahlen, Sommerferien zu unterschiedlichen Zeiten und während man hüben „Grüß Gott“ sagt, ist es drüben „Guten Tag.“ Die Feste aber, die feiert man heute wieder gemeinsam. Ein Happy End.
Für mich endete mit diesem Satz meist die Museumsführung, damals vor zehn Jahren. Losgelassen hat mich das Dorf bis heute nicht. Ganz klar: Mödlareuth bleibt einem im Gedächtnis.
Der Autor
Der Hofer Patrick Leitl studierte von 2007 bis 2013 an der Technischen Universität Dresden Geschichte, Politikwissenschaften und Soziologie. 2009 machte er im Rahmen seines Studiums ein Praktikum im Deutsch-Deutschen Museum Mödlareuth – und blieb hängen: Von 2010 bis 2012 führte er in den Semesterferien und an Wochenenden Besuchergruppen durch das Freigelände des Museums.
Ein Kommentar
vor langer zeit, es war noch eine Mauer durch das idyllische Dorf “ Mödlareuth “ haben wir es uns angesehen, es war ein schrecklicher immer in Erinnerung gebliebener Augenblick, es isz ein wunderbarer Moment wenn man daran zurück denkt. Ich werde es nie vergessen und wenn Gott will, werde ich es mit meiner frau an Ostern 2021 wieder besuchen, nur !!! diesmal richtig, mit der Grenze und aber ohne Schikanen, ich freue mich jetzt schon aus diesen Moment