Nach einem Jahrhundert Trockenheit: Rehauer führen Brautradition fort

In Rehau hat sich ein Verein der Pflege der Brautradition verschrieben. Der Kommunbräu Rehau e.V. hat ein Biermuseum eingerichtet und veranstaltet Feste, bei denen die Mitglieder selbstgebrautes bernsteinfarbenes Bier ausschenken. An den Erlebnisbrautagen kann man beim handwerklichen Brauen dabei sein – und mitbrauen.

Kronenbräu, Exportbierbrauerei, Beck Neuhausen, Bürgerbräu: Bis in die Siebzigerjahre ist die Vielfalt in Rehau gebrauten Bieres groß. Mit dem Stadtrecht erhalten Rehauer Bürger 1427 das Recht zu mälzen, brauen und schenken. Heute sind fast alle Brauereien aus dem Stadtbild verschwunden; es gibt nur noch den Bierkeller von Vogels Kommunbräu bei der Eselsbrücke und das Gebäude der Ludwig Bräu in der Fabrikstraße. Einer der Rehauer Bürger, die dem Bierbrauen bis heute in ihrer Freizeit nachgehen, ist Werner Kotschenreuther. In den Neunzigern absolviert er einen Braukurs und schafft sich eine 50-Liter-Brauanlage an. Rehaus Bürgermeister Michael Abraham bringt Kotschenreuther mit Matthias Dietrich, einem weiteren Hobbybrauer, zusammen: „Wir beide haben 2009 eine Keimzelle gebildet und überlegt, wie man das Bierbrauen in Rehau wiederbeleben und neu etablieren kann.“ Die beiden Bierliebhaber entwickeln Ideen für eine eigene Brauerei, wissen aber nicht so recht, wie sie sie umsetzen sollen – als Genossenschaft, Aktiengesellschaft oder GmbH, mit Stiftungscharakter? Von der Hochschule Hof bekommen sie Unterstützung in Form einer Bachelorarbeit; zwei Studenten erarbeiten ein Konzept für eine Gasthausbrauerei in Rehau. Kotschenreuther und Dietrich wägen Chancen und Risiken ab und verwerfen das Konzept. Im Sommer 2011 setzt Kotschenreuther in seiner Garage einen Sud an, der die Sache endgültig ins Rollen bringt: „Ich habe einen dunklen Bock gebraut und der war offensichtlich so inspirierend, dass wir am 10. Dezember 2011 einen Verein gegründet haben.“ Geld hat der Kommunbräu Rehau e.V. nicht, und wohin er steuert, ist noch unklar.

Rehauer Bier: Handwerk und Herzenssache

Auf einer Infoveranstaltung treten Anfang 2012 gleich fünfzig Mitglieder bei. Ein erstes Kellerfest mit eingekauftem Bier von fünf fränkischen Brauereien bringt etwas Geld in die Kasse. Auf der Suche nach einem Vereinsheim besichtigen die Bierträumer allerlei Leerstände – Häuser, Schuppen, Keller, Ställe. Nichts überzeugt sie. Wieder schaltet sich Bürgermeister und Kommunbräu-Gründungsmitglied Abraham ein. „Ohne ihn gäbe es die Kommunbräu Rehau nicht“, sagt Werner Kotschenreuther. „Er hat den Verein mit der Familie Ludwig zusammengebracht, der eine unscheinbare, verwilderte Gewerbebrache mitten in Rehau gehört.“ Die Brache ist ein Volltreffer mit Geschichte. 1907 eröffnen die Ludwigs, alteingesessene Rehauer Müller, hier eine Brauerei. Schon nach sieben Jahren endet der Betrieb, weil der Braumeister in den Ersten Weltkrieg zieht. Nach seiner Heimkehr übernimmt er die Ludwigsche Mühle. Im Brauhaus werden später noch alkoholfreie Getränke abgefüllt, danach dienen die Räume einer Schreinerei als Möbellager. „Der historische Bezug war uns ganz wichtig. Wir haben nicht gezögert und das Anwesen gepachtet und saniert.“ In Eigenleistung und mit Unterstützung von Bevölkerung, Industrie, Handwerkern und Banken wird die Gas-, Elektro- und Wasserinstallation erneuert. Der Vorstand gibt ein ehrgeiziges Ziel aus: „100 Jahre nach Schließung der Brauerei Ludwig wollten wir in diesem Gemäuer wieder Bier brauen. Das ist uns gelungen, wenn auch knapp. Im Dezember 2014 haben wir unseren ersten Sud angesetzt, darauf sind wir sehr stolz, und seitdem brauen wir regelmäßig.“

Bierbrauen für Zuschauer und Mitmacher

Der zweite Samstag jedes Monats ist in Rehau Brautag. Dann kann jeder vorbeikommen, handwerkliches Brauen erleben und mithelfen. „Unser Verein ist sehr offen, das Mitmachen ist sogar in der Satzung verankert. Bei den Erlebnisbrautagen zeigt jemand, der brauen kann, wie es funktioniert. Alles ist sichtbar. Wenn wir sieden, kann man die Würze blubbern sehen, das geht in einer großen Brauerei mit geschlossenen Systemen nicht.“ Zusätzlich zu zwei Schichten pro Brautag läuft die Drei-Hektoliter-Anlage vor dem Kellerfest, dem Stadtfest und dem Brauereifest. Die Jahresproduktion liegt bei etwa 10.000 Litern. In das Sudhaus, den Gärkeller und den Lagerkeller hat die Kommunbräu Rehau 70.000 Euro investiert, finanziert über ein Darlehen, Spenden und den Bierverkauf. Kotschenreuther: „Hier arbeiten alle ehrenamtlich, keiner verdient was. Es zählt die Liebe zur Stadt und zum Bier, das hier gebraut wird. Wir spüren den starken Rückhalt der Rehauer, hier ziehen alle an einem Strang. Wir kümmern uns darum, dass das Bier schmeckt. Für alles andere findet sich immer eine Lösung.“

„Hier arbeiten alle ehrenamtlich, keiner verdient was. Es zählt die Liebe zur Stadt und zum Bier, das hier gebraut wird.“

Werner Kotschenreuther

Die Rechtsform eines Vereins hat sich als tragfähig erwiesen. Tragfähig für das, was die Kommunbräu ist und bleiben soll: ein Ort, an dem die Rehauer Braugeschichte fortgeschrieben wird. Hoher Ausstoß, Marktanteile erobern – Fremdwörter für die Bierverrückten, die Rehaus Tradition pflegen. Ein kleines Museum zeigt Exponate ehemaliger Brauereien und Gaststätten. „Die jetzige Größenordnung ist schön stimmig, vom Brauen bis zum Abfüllen“, sagt Werner Kotschenreuther. „Die Kommunbräu ist fester Teil der Rehauer Kultur geworden und wir sind bemüht, die Kultur zu bereichern. Man kommt gerne zu uns, in die einzige gemeinnützige Brauerei weit und breit.“


Impressionen aus dem Kommunbräu-Museum:

 

Kommunbräu Rehau: Vereinsleben, Treffpunkt, Genussort

220 Mitglieder hat der Kommunbräu Rehau e.V. Der Jahresbeitrag kostet 50 Euro – gleicher Preis für eine Einzel- und eine Partnermitgliedschaft. Der Plan, auf diese Weise Partnerinnen und Ehefrauen einzubeziehen, ist aufgegangen. „Mit unserem bernsteinfarbenen Bier haben wir bei den Damen einen Treffer gelandet.“ Das unfiltrierte Vollbier hat 13 Prozent Stammwürze und einen Alkoholgehalt von 4,9 Prozent. Das Rezept ist alten Rehauer Brauprotokollen entnommen. An den Brautagen wird das Bier in Literflaschen verkauft. Zu Veranstaltungen öffnen die Kommunbrauer ihren Biergarten oder den Schalander. „Hier treffen sich Menschen, die sich sonst nie getroffen hätten. Das ist genauso wichtig wie das Bierbrauen. Auch Zugezogene kommen und sind begeistert. 80-Jährige sitzen mit 18-Jährigen beim Bier und lachen gemeinsam.“

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Kommunbräu Rehau e.V.

info@kommunbraeu-rehau.de
www.kommunbraeu-rehau.de
Geierlohweg 39
95111 Rehau

2 Kommentare

  • Tolles Engagement zum Erhalt und zur Pflege unserer Kultur und Tradition. Grüße aus der Bierstadt Bamberg.

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Götz Gemeinhardt