Wo die Bio-Kiste herkommt: Der Bauernhof der Lebenshilfe in Martinsreuth

Viele von uns kennen ihn vom „Durchfahren“. Nun wird es höchste Zeit, ihn mal genauer unter die Lupe zu nehmen: Den Bauernhof der Lebenshilfe in Martinsreuth. Er ist eine von vier Außenstellen der Hochfränkischen Werkstätten Hof. Eine der Hauptaufgaben der Menschen dort ist die Zusammenstellung und Lieferung der Bio-Kiste, die viele im Hofer Land kennen. Christian Lange ist seit dem Jahr 2001 der Zweigstellenleiter auf dem Hof. Wir haben ihn besucht und möchten euch gerne erzählen, warum dieser Bauernhof etwas ganz Besonderes ist.

 

Die Hochfränkischen Werkstätten Hof sind eine anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen. Derzeit sind ungefähr 500 Beschäftigte und 100 Angestellte dort tätig. Seit Oktober 1972 gibt es die Einrichtung „Beschützende Werkstätte“, damals noch in Konradsreuth. Mit der Zeit wurde diese immer erweitert. Bereits im Jahr 1979 wurde das neue und größere Gebäude am Südring in Hof bezogen. Bis heute wächst es stetig und wird so immer dem Bedarf angeglichen. Die Hochfränkischen Werkstätten bestehen aus dem Hauptgebäude am Südring und den Außenstellen in der Schaumbergstraße, der Schollenteichstraße und der Carl-Benz-Straße sowie dem Bauernhof in Martinsreuth. Die Hauptaufgabe der Werkstatt ist die Integration und Rehabilitation von Menschen mit Behinderung. Durch die berufliche Förderung sind viele verschiedene Arbeitsplätze entstanden. So werden beispielsweise in einigen Außenstellen Konfektions-, Montage- und Verpackungsarbeiten für die Industrie durchgeführt. Durch den Laden „invito“ am Lorenzpark in Hof ist es seit 2009 auch möglich, die hergestellten Produkte als Privatperson zu erwerben. Unter dem Motto „schenken – spielen – begegnen“ werden hier Geschenk- und Dekoartikel, sowie saisonale Produkte und Kinderspielzeug verkauft.

 

Ein ganz besonderer Bauernhof im Hofer Land

Mit dem Bauernhof der Lebenshilfe, der 1981 in Betrieb genommen wurde, kamen hier erstmals zwei neue Arbeitsbereiche hinzu: die Landwirtschaft und eine Gärtnerei. „Der Bereich Landwirtschaft umfasst bis heute die Bewirtschaftung von Kartoffelfeldern und die Züchtung von Kühen”, erzählt Christian Lange. Die eigenen Kartoffeln aus rein biologischem Anbau sind alle für den Direktverkauf oder für die Bio-Kiste.

„In unserer Gärtnerei werden von vier Mitarbeitern überwiegend saisonale Gemüsesorten für die Bio-Kiste angebaut.“ Christian Lange, Leiter des Bauernhofs 

„Wir haben ebenfalls an der Straße ein kleines Verkaufshaus. Dort kann jeder Kartoffeln, Eier und andere saisonale Produkte kaufen“, so der Leiter des Bauernhofes. „Bei der Zucht unserer Kühe haben wir eine reine Muttertierhaltung. Die Kälber werden verkauft.“ Aktuell stehen auf dem Hof ein Bulle und fünf Muttertiere der Rasse fränkisches Gelbvieh. Ebenso wie 20 Tiere der Rasse “Fleckvieh”. „In unserer Gärtnerei werden von 4 Mitarbeitern überwiegend saisonale Gemüsesorten für die Bio-Kiste angebaut”, sagt er. Ebenfalls kann man im Frühjahr direkt vor Ort in dem kleinen Hofladen „Natur pur“ Setzlinge von Salat und Kräutern aus biologischen Anbau kaufen. Dort findet man auch eine kleinere Auswahl an anderen Bio-Lebensmitteln. In mittlerweile fünf großen Gewächshäusern auf dem Hof wird rein biologischen Anbau betrieben. Die Mitarbeiter der Gärtnerei arbeiten ebenso in der Grünanlagenpflege. „Jeder, der Hilfe im Garten oder in Außenanlagen braucht, egal ob Privatperson oder Firma, kann mit uns einen Termin vereinbaren”, sagt Christian Lange.

 

Die Bio-Kiste: Biologisch angebautes Obst und Gemüse für das Hofer Land

Im Jahre 1997 wurde in Zusammenarbeit mit dem Bund Naturschutz Bayern e.V. (Kreisgruppe Hof) die Bio-Kiste ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Kiste mit Bio-Obst und Gemüse, die man sich vor die Türe liefern lassen kann.

„Die Bio-Kiste findet in Stadt und Landkreis Hof einen sehr guten Zuspruch.”  Christian Lange 

Es gibt sie in den Kategorien: die Standard-Kiste, die reine Gemüse- oder die Obst-Kiste, Rohkost-Kiste oder die Büro-Obst-Kiste. Die Größe kann man ebenfalls individuell nach Bedarf in single, klein, mittel und groß bestellen. „Die Bio-Kiste findet in Stadt und Landkreis Hof einen sehr guten Zuspruch. Wir haben aktuell ungefähr 900 Kunden, Tendenz steigend, die wöchentlich oder 14-tägig die Kiste geliefert bekommen”, so Christian Lange. Das bedeutet, dass wöchentlich zwischen Dienstag und Freitag fast 550 Kisten im ganzen Landkreis Hof ausgeliefert werden.

Kleine Kiste – viele Möglichkeiten – großer Nutzen

Hierbei hat man auch immer die Möglichkeit, bestimmte Gemüse- oder Obstsorten auszuschließen. „Wenn jemand beispielsweise keinen Kohlrabi mag, kann man das vermerken lassen, dann kommt auch kein Kohlrabi in die Kiste”, erklärt der Bauernhof-Leiter. So einfach ist das. Genauso besteht die Möglichkeit, andere Bio-Produkte wie Eier, Brot, Honig oder Nudeln dazu zu bestellen. Oft werden auch saisonale Verkaufsaktionen angeboten, wie im Herbst der Verkauf von Suppenhühnern. Vor Weihnachten kann man sich eine Weihnachtsgans oder Ente reservieren. „Das ist der Kreislauf des Lebens und gehört auf einem Bauernhof dazu. Die circa 200 Hühner, die aktuell knapp 170 Eier täglich geben, werden zum Teil im Herbst als Suppenhühner verkauft”, sagt Christian Lange. Momentan sind jede Woche insgesamt sieben Mitarbeiter mit dem Packen und Liefern der Kiste beschäftigt. Dabei hilft ein modernes Wiege- und Scan-Programm. Es zeigt genau an, welche Kiste zu welchem Kunden gehört und welche Produkte rein müssen. Und eigentlich sind noch mehr Menschen an der Bio-Kiste beteiligt. Die Holzkiste an sich wird nämlich in kompletter Eigenproduktion in der Werkstatt am Südring produziert.

Ein Projekt mit Herzblut mitten im Hofer Landkreis

„Natürlich können wir nicht alles auf dem Bauernhof selbst herstellen, wir kaufen auch von anderen Bio-Erzeugern”, berichtet Kerstin Jakob. Sie ist Gruppenleiterin der Gärtnerei und seit dem Jahr 2012 auf dem Hof. Als ausgebildete Gartenbautechnikerin für Produktion und Vermarktung macht sie gerade neben der Arbeit noch eine Sonderpädagogischen Zusatzausbildung. Der Verkauf der Bio-Kiste sichert so nicht nur Arbeitsplätze in den Hochfränkischen Werkstätten sondern auch bei anderen Bio-Betrieben. Sie trägt durch den regionalen und biologischen Anbau außerdem zu einer intakteren Umwelt bei.

„Manchmal bekommt man mit seiner Kiste auch eine außergewöhnliche Sorte Gemüse oder Obst geliefert.” Christian Lange

Etwas Besonderes gibt es noch zu erwähnen: „Manchmal bekommt man mit seiner Kiste auch eine außergewöhnliche Sorte Gemüse oder Obst geliefert. Beispielsweise Zuckerhut Salat oder Schwarzkohl. Unsere Kunden mögen diesen kleinen Überraschungen“, so Lange. Und damit die Kunden dann mit der Rezeptfindung und Zubereitung der Exoten nicht alleine dastehen, kommt mit ganz viel Liebe zum Detail auch eine kleine Sammlung an passenden Rezeptideen direkt mit in die Kiste.

„Hier bei uns planen wir mittelfristig, eine neue Halle für die Packung der Kisten zu bauen um mehr Platz zu bekommen.” erzählt Herr Lange

Jeder Kunde kann zudem einen gewünschten Ablageort mitteilen, sollte er nicht zuhause sein. Beispielsweise in der Garage. Dort ist die Kiste geschützt vor Wetter und Tieren. „Hier bei uns planen wir mittelfristig, eine neue Halle für die Packung der Kisten zu bauen um mehr Platz zu bekommen,” so der Blick in die Zukunft von Herrn Lange.

Zukunftsvisionen: Der Traum vom Arche Hof

Johannes Popp ist einer der Gruppenleiter auf dem Bauernhof. Er kam vor knapp zwei Jahren nach Martinsreuth und geht in seiner Arbeit auf dem Hof auf. Auf die Frage, was ihm an seiner Arbeit am meisten gefällt, verrät er: „Man bekommt so viel positive Energie von den Mitarbeitern zurück, das motiviert mich. Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit mit ihnen.“  Er träumt zusammen mit Christian Lange von einem Arche Hof. „Auf so einem Hof werden vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen aufgenommen. Wir haben bereits zwei thüringische Waldziegen hier. Sie sollen unsere Hühner vor Greifvögeln und Füchsen beschützen”,  erzählt Johannes Popp. Irgendwann sollen noch Schweine dazu kommen.

„Das is halt so im biologischen Anbau. Und wenn alla, dann alla.“ Johannes Popp 

Es wäre auch schön, in der Zukunft irgendwann einen „Tag des offenen Kartoffelfeldes“ zu veranstalten. Die beiden stellen sich das ähnlich vor, wie das Prinzip von einem Erdbeerfeld. Jeder kann bei der Ernte helfen und die Kartoffeln danach bezahlen und mitnehmen. Bereits dieses Jahr gab es ein Bio-Blumenfeld zum selbst pflücken. Bei Gemüsesorten wird ebenfalls mit alten und vergessenen Sorten experimentiert. „Wir haben dieses Jahr die Kartoffelsorte „Schwarzblaue aus dem Frankenwald“ angepflanzt und sind gespannt, wie die Ernte verlaufen wird.“ Als Bio-Bauer ist man gegen Krankheiten wie die Kartoffelkrautfäule ziemlich machtlos. In herrlichem Fränkisch sagt Popp: „Das is halt so im biologischen Anbau. Und wenn alla, dann alla.“

Nicht nur ein Bauernhof, sondern auch Lebenshilfe

In den Räumen des Bauernhofes hat auch eine Wohngruppe vor Jahrzehnten ihr Zuhause gefunden. „In der Wohngruppe können bis zu sieben Menschen mit geistiger Behinderung leben und finden hier ein Zuhause”, erzählt Christian Lange. Auf dem Hof arbeiten insgesamt 18 Mitarbeiter. Dabei wird die Anzahl der Arbeitsstellen immer an den Bedarf und auch an den Mitarbeiter angepasst.

“Uns ist es sehr wichtig, dass sich die Menschen wohl fühlen mit ihrer Arbeit. Christian Lange.

“Als Ersten durchläuft man die berufliche Bildung bei uns. Diese dauert ungefähr 2 Jahre. Danach wird gemeinsam geschaut, welcher Arbeitsplatz für den Mitarbeiter in Frage kommt. Uns ist es sehr wichtig, dass sich die Menschen wohl fühlen mit ihrer Arbeit”, so Lange. Die Arbeitsstelle muss dabei keineswegs innerhalb der Hochfränkischen Werkstätten sein. Es gibt auch “ausgelagerte Arbeitsplätze” in der freien Wirtschaft. Arbeitgeber bieten hierbei Menschen mit Behinderung eine geeignete Stelle bei sich an. “Hier gibt es natürlich ganz individuelle Absprachen mit allen Beteiligten und eine enge Betreuung durch uns.” Wer also gerne einen Teil dazu beitragen möchte, Menschen mit Behinderung beruflich zu unterstützen und zu fördern kann sich gerne mit den Hochfränkischen Werkstätten in Verbindung setzen. Und das natürlich auch in Form eines Bio-Kisten-Abo´s.  Alle weiterführenden Informationen findet ihr unter diesem Artikel.

Eine rundum super Sache: Die Bio-Kiste des Bauernhofs der Lebenshilfe Martinsreuth

Mit dem Kauf der Bio-Kiste unterstützt man nicht nur die Arbeit der Hochfränkischen Werkstätten. Es werden so auch noch viele andere Arbeitsplätze gesichert. Man spart sich selbst die Zeit fürs Einkaufen, die Kiste kommt direkt vor die Haustüre. Die Umwelt wird durch den regionalen und biologischen Anbau geschont. Von einer ausgewogene Ernährung mit Bio-Produkten kann die eigene Gesundheit nur profitieren.

Ihr seht, wir haben hier also eine Win-win-win-win-win Situation. Falls ihr jetzt so richtig Hunger auf die leckeren Lebensmittel bekommen habt und euch eine von den Kisten sichern möchtet: Alle Infos findet ihr unter diesem Link.

 

Fotos: Michaela Spindler und Hochfränkische Werkstätten

Titelbild: (v.l.n.r.) Johannes Popp (Gruppenleiter Landwirtschaft), Kerstin Jakob (Gruppenleiterin Gärtnerei), Christian Lange (Zweigstellenleiter)

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Michaela Spindler

Nach 6 Jahren im Schwabenländle und einer 5-monatigen Reise um die Welt, kehrt Michaela in die Heimat zurück. Momentan freut sie sich, unsere Region neu zu entdecken und in diesem Blog darüber zu berichten.