Back to the roots: Von einer USA-Rückkehrerin, alter Bäckertradition und neuen Medien

Back to the roots. Was für andere nach hohler Phrase klingt, hat für Felicitas Schaumberg gleich doppelte Bedeutung. Die Ausgewanderte lebt für 34 Jahre im schnelllebigen Amerika. Dann führt sie ihre Jugendliebe in die alte Heimat zurück. Im Hofer Land kommt eine weitere Liebe hinzu, als sie einen Job als Bäckereiverkäuferin antritt: Die zum traditionellen Backhandwerk. Heute investiert Felicitas all ihr Herzblut in den Internetauftritt der Traditionsbäckerei Griesbach in Döhlau. Denn um die guten, alten Werte der Inhaber am Leben zu erhalten, scheut die 60-Jährige neue Technik nicht.

 

„Plundergebäck esse ich hier so gerne. Mandelhörnchen und Kirschtaschen zum Beispiel. Unsere Hefekränze sind auch ganz besonders gut! Der Teig wird mit bestem Butterschmalz zubereitet und von Hand geknetet. Aber auch die herzhaften Sachen mag ich. Ich liebe die Tigerbrötchen. Die sind mit Meersalz, Pfeffer und Rapsöl. Die gibt es auch als Bauernbrot…“

Fragt man Felicitas Schaumberg nach ihren liebsten Produkten der Bäckerei Griesbach, leuchten ihre Augen vor Begeisterung. Die Verkaufsangestellte steht hinter der Theke des kleinen Ladens und strahlt. Es duftet nach frischem Gebäck und Kaffee. Auf ihrem Tresen steht ein elektronisches Tablet, das lebendige Fotos aus der Backstube abspielt. In den oberen Regalen des Geschäfts hingegen sind alte Backgeräte ausgestellt. Ein Handmixer, der noch ohne Strom bedient wurde. Backförmchen für die kleinen Küchlein, die in unserer Region als Muscheln bezeichnet werden. Eine alte Kaffeemühle.

Überbleibsel aus 100 Jahren Familientradition: alte Backutensilien

Felicitas spricht ihre Worte meist fränkisch aus. Gelegentlich mogelt sich amerikanischer Akzent hinein. Zum Beispiel, wenn sie „Rapsöl“ sagt. Dann formt sie das „R“ so, wie es nur echte Amerikaner tun. „Ich bin praktisch zweimal ausgewandert“, erklärt sie. Beim letzten Mal für ihre Jugendliebe. „Ich habe meinen ersten Mann noch einmal geheiratet. An meiner Wand hängen zwei Hochzeitsfotos. Das, von der ersten und das von der zweiten Hochzeit. Wir gehören einfach zusammen. Wir denken gleich, wir sagen das Gleiche“, lächelt die Romantikerin.

 

„In den USA hat keiner mehr Zeit oder Geduld“

Felicitas Schaumberg

 

Während ihrer 34 Jahre in Chicago, arbeitet Felicitas bei Dunkin‘ Donuts, eröffnet dann ein Laserkosmetikgeschäft. 34 Jahre, in denen sie auch die Schnelllebigkeit des Landes zu spüren bekommt. „In den USA hat keiner mehr Zeit oder Geduld. Da muss es schnell gehen, da ist alles nur noch Großhandel“, bedauert die Verkäuferin. Als die Rückkehrerin später beginnt, in der Familienbäckerei Griesbach zu arbeiten, beeindruckt sie deshalb die Hingabe, mit der Bäckermeister Griesbach seine Backwaren herstellt. Viel langsamer geht es hier zu. Viel sorgfältiger und aufwendiger, als in ihrer alten Heimat. Die Verkäuferin schmeckt den Unterschied. Und lässt sich von der Begeisterung ihrer Arbeitgeber anstecken.

 

Qualität statt Quantität

Doch, wie so viele kleine Bäckereien, kämpfen auch Bäckermeister Gerhard Griesbach und seine Frau Anita mit dem gesellschaftlichen Wandel. Weil immer mehr Kunden billig kaufen wollen, müssen die Traditionsbäcker handeln. Einige sind gezwungen zu schließen. Manche springen auf den Zug der Massenproduktion auf, um mitzuhalten. Sie investieren, vergrößern sich, greifen auf maschinelle Fertigung, gefrorene Teiglinge, Essenzen oder Granulat zurück. „Es gibt ja sogar Äpfel als Granulat. Aber wir wollten das nicht“, erzählt Frau Griesbach. „Bei uns wird mit den Händen gearbeitet. Zitronenschale wird selbst abgerieben. Wenn wir unseren Zwiebelkuchen herstellen, werden jeden Tag zehn Pfund Zwiebeln mit der Hand geschält und geschnitten. Den Spreck rösten wir selbst in der Pfanne. Wir verwenden nur bestes Creme Fraiche. Deshalb ist unser Zwiebelkuchen eben auch so beliebt.“ Und Bäckermeister Gerhard fügt hinzu: „Ich habe immer gesehen, dass sich der preisliche Anspruch der Kunden ändert. Da überlegt man natürlich, umzustellen und sich anzupassen. Aber ich habe mir dann gesagt: Nein, wir haben nur eine Chance, wenn wir uns in eine Nische begeben und weiterhin auf Qualität setzen.“

Als die Fettpreise im Jahr 2017 steigen, verschärft sich die Situation jedoch erneut. Felicitas erinnert sich: „Während viele auf Alternativen, wie Margarine umgestiegen sind, hat unser Chef auf seinen Butterschmalz bestanden. Da mussten wir die Preise anheben, das war richtig hart.“ Jeden Tag sieht sie dabei zu, wie der Bäckermeister und seine Frau einfach alles geben. Mitten in der Nacht aufstehen. Stundenlang im Laden arbeiten. Nach Feierabend das Obst für die Bäckerei im eigenen Garten anbauen und ernten. An ihren freien Tagen einkaufen gehen. „Ich hatte so einen Respekt vor dieser Arbeit. Ich wollte unbedingt, dass das erhalten bleibt!“

Altes Bäckerhandwerk – neue Technik

Deshalb wird sie schließlich aktiv. Sie setzt sich das Ziel, die aussterbende, ältere Stammkundschaft durch neue Kunden zu ersetzen. Der Verkäuferin ist bewusst, dass sie dafür mit der Zeit gehen muss. Um die Nachfolgegeneration zu erreichen, will sie das Internet nutzen. Also setzt sich die 60-Jährige im Alleingang mit den neuen, sozialen Medien auseinander. Sie besucht die kostenlosen Seminare des digitalen Gründerzentrums, Einstein 1 und lernt, wie man PowerPoint Präsentationen erstellt. Die Verkäuferin besorgt sich ein Handy mit ausgezeichneter Kamera und lädt kreative Fotos oder Videos hoch. Sie findet auch heraus, wie man Flyer und Broschüren erstellt. Felicitas tut das mit viel Herzblut und häufig in ihrer Freizeit. Der Erfolg lässt nicht lang auf sich warten.

„Seit Frau Schaumberg das macht, haben wir sehr viel mehr jüngere Kunden hier“, freut sich Frau Griesbach über den Einsatz ihrer Mitarbeiterin. Und gibt dabei ehrlich zu: „Am Anfang hatte ich Angst vor dem Zeug. Wenn man sich nicht damit auskennt und einem die Leute sagen ‚Mach das bloß nicht‘, überlegt man sich schon, ob negative Kommentare im Internet nicht eher schaden können.“ Doch Felicitas bleibt am Ball. Positiv und motivierend. „Die Schaumi“ – wie Frau Griesbach sie manchmal nennt – habe sie beruhigt und letztendlich mit den sichtbaren Ergebnissen überzeugt. „Seitdem stehe ich zu 200 Prozent hinter Frau Schaumberg“, schwärmt ihre sie, „ihr Engagement sichert gerade unser Leben.“

So kommt es, dass Bäckermeister Griesbach auch heute noch jeden Morgen ab 2 Uhr seine Backstube zum Leben erweckt. Auch nach 100 Jahren Familientradition darf er seine Heimat weiterhin mit Leckereien verwöhnen.

Leben, wo andere Urlaub machen

Und Felicitas? Fühlt sie sich inzwischen wieder angekommen im alten, neuen Zuhause?
„Ich war mehr als mein halbes Leben lang dort, natürlich sehe ich Amerika als meine Heimat“, erzählt sie. Doch das habe den Vorteil, dass sie das Hofer Land noch mit anderen Augen betrachte. „Die Landschaft hier nimmt mir immer wieder den Atem. Mein Mann ist Außendienstler. Wenn ich neben ihm im Auto sitze, registriert er diese Schönheit gar nicht mehr. Ich rufe dann: Schau mal da, wie grün es überall ist! Und schau mal, die schönen, gelben Rapsfelder! Wir sind hier mitten in der Natur. Hier kannst du noch eine Kuh im Garten halten, wenn du willst. Viele erkennen das gar nicht mehr. Aber wir leben wirklich da, wo andere Urlaub machen.“

Zum Verschenken oder selbst vernaschen: Osterkränze aus lockerem Hefeteig

 

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Bäckerei Griesbach in Döhlau

Bäckerei Griesbach
Gerhard Griesbach
Hofer Straße 30
95182 Döhlau
09286 – 7582
baeckerei.griesbach@gmail.com
www.facebook.com/baeckerei.griesbach/
www.instagram.com/baeckerei.griesbach/
www.baeckerei-griesbach.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 6:30 – 18:00 Uhr
Samstag: 6:30 – 12:00 Uhr
Sonntag u. Montag: Ruhetag

Ein Kommentar

  • Hallo“Schaumi“,

    dieser Bericht ist so beeindruckend und so wünschenswert für die Bäckerei Griesbach.

    Ich war auch viele Jahre gerne im Verkauf und in der Backstube zum Helfen.

    Pfannkuchen ausbacken, Nugathörnchen rollen und Weihnachtsplätzchen ausstechen waren für mich großartig.

    Macht alle weiter so, viel Glück für die Griesbachs.

    Euere Kühni

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Jennifer Müller

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