Das Märchen von Ola und Max

Von Götz Gemeinhardt (Text) und Martin Geyer (Fotos)

Er hatte das Abi am Sportgymnasium in Nürnberg gemacht, kickte im U19-Team der SpVgg Greuther Fürth, als er beschloss, den vorgezeichneten Weg Richtung Profisport zu verlassen: Max Sendner löst seinen Fußballer-Vertrag auf und beginnt, in Münchberg Textildesign zu studieren. „Aus Spaß“ gründet er ein Klamottenlabel – 9t3 steht für sein Geburtsjahr (nine-ty-three). „Los ging’s mit gestrickten Mützen, dann hab ich Shirts und Jogginghosen genäht. Irgendwann bin ich in Produktion gegangen. Wichtig waren mir lokale Herstellung und nachhaltige Materialien.“ 9t3 ist 100 Prozent made in Germany und verarbeitet zertifizierte Biotextilien. Die Stückzahlen sind klein: „Man hat ein Teil, das es nur 25 Mal gibt.“ Während des Studiums entwickelt Max das Label weiter, bringt seine erste Jeans raus, eine Jacke, ein Kleid und Kinderhosen. „Ich lege Wert auf die Qualität der Stoffe und auf die Schnittführung, weniger auf riesige Prints.“

In Style: Szenen aus der Kreativwerkstatt

Wunderbare Begebenheiten machen aus einer Geschichte ein Märchen. Dies wäre die Geschichte eines Designstudenten in Hochfranken, der ein Mode-Startup führt, und die Geschichte wäre jetzt erzählt. Wäre da nicht Ola. Sie kommt 2012 in einen Zumba-Kurs, den Max als Fitnesstrainer gibt. „Ich wollte abnehmen und bin bei ihm gelandet.“ Ola, geboren in Gliwice (Gleiwitz, Oberschlesien) als Aleksandra Bednarek, wächst in Stammbach auf, macht mit 15 eine Frisörausbildung, mit 21 den Meister und mietet sich in einem Salon ein. Als sich die Wege der Frisörin und des Textildesigners kreuzen, fängt ihr privates und berufliches Märchen an. „Er ist kreativ, ich bin kreativ, er hat seinen Kopf, ich hab meinen Kopf und zusammen ist das immer so eine kleine Explosion“, sagt Ola. Und strahlt.

Hairart Ola und Max Sendner mit Mops

Ola und Max ziehen zusammen und planen eine gemeinsame Kreativwerkstatt, die sie am Karsamstag 2016 in Münchberg eröffnen: Hairart Ola. „Wir sind vielleicht ein bisschen anders, das soll der Salon widerspiegeln. Jeder, der den Laden betritt, soll sich wohlfühlen, egal, ob er auf einen Kaffee kommt, zum Haareschneiden oder weil er sich 9t3-Klamotten anschauen will. Ich find’s schön, wenn gelacht wird und gesprochen und wenn Leben in der Bude ist.“ Max ist „megaglücklich, diesen Schritt gegangen zu sein. Es war ein Riesenschritt, auch für uns als Paar, weil wir von früh bis spät zusammen sind.“ In den Planungen war alles klar abgesteckt: Sie hat den Salon, er ein Büro für Studium und Design und eine Fläche für seine Kollektion. „Wir haben aber schnell gemerkt, dass ohne Max gar nichts geht.“ Er kümmert sich um Werbung, betreut Kunden. „Ola stand am Stuhl und ich wollte ihr den Rücken freihalten. Eines Tages hab ich zu ihr gesagt, ich will das auch lernen. Sie wollte erst nicht und fand, ich solle mich um mein Studium kümmern.“ Ola: „Irgendwann hat er meine beiden Brüder als Modelle bestellt und gesagt, er schneidet jetzt. Dann hatte ich keine Wahl – ich musste es ihm zeigen.“

Hairart Ola bei vimeo

Hairart Ola ist gut gebucht und auf der Suche nach Fachkräften, bekommt aber nur wenige Bewerbungen. „Stuhlmiete, Vollzeit, Teilzeit, Ausbildung oder Praktikum – ich freue mich, wenn sich jemand für das Handwerk interessiert. Wir brauchen junge Leute. Jeder Frisör sucht, keiner findet.“ Für Ola und Max ist Frisör ein Kreativberuf mit vielen offenen Türen – eigener Laden, Fachtrainer, Fachlehrer, Film, Fernsehen, Maskenbildner. „Der Beruf wird ins falsche Licht gestellt. Das erste Argument ist: Da verdient man ja nichts. Wenn man es wirklich gerne macht, hat man auch Chancen. Heute stehen alle Türen offen – arbeite ich viel, habe ich mehr. Ich kann meine Preise selbst bestimmen, wenn ich gute Qualität biete. Und man darf das Trinkgeld nicht außer Acht lassen.“

Hairartist bei der Arbeit
Hairartist bei der Arbeit

Ola und Max sind erfolgreich und glücklich mit ihrem Geschäft in Münchberg. Umziehen kommt nicht in Frage, schon gar nicht in eine Großstadt. „Wir reisen sehr viel und gerne, kommen aber auch gerne wieder nach Hause. Die Lage Hochfrankens ist zentral, optimal.“ Als Max mit 17 zum ersten Mal nach Münchberg kam, wollte er gleich wieder umkehren. Heute schätzt er die Herzlichkeit, fühlt sich gut aufgenommen und sieht großes Potential: „Es gibt eine Historie, viel Leerstand, aber auch viele junge Leute. Es wird zu wenig gemacht, zu wenig Initiative ergriffen. In alten Fabriken und Läden müsste viel mehr passieren.“ Was Ola und Max auf Reisen sehen und erleben, würden sie gerne nach Hochfranken übertragen. Zum Beispiel das Konzept von Barber & Parlour in London, das Styling und Pflege mit Essen, Trinken, Shoppen und einem Kino kombiniert. In ihrem eigenen Laden hatten sie schon eine Rumverkostung, Gastfrisöre und Gasttätowierer. Und in ihren Köpfen spukt noch viel herum. „Ich habe das Gefühl, dass die Münchberger ein bisschen stolz drauf sind, wenn hier etwas gut läuft“, sagt Ola, „und dass auf die kleinen Lädchen wieder mehr geachtet wird.“

Ihre private Ruhetankstelle haben Ola und Max und ihr Mops Aywa im Münchberger Ortsteil Solg gefunden, einem Dörfchen, das sie erdet. „Action haben wir den ganzen Tag im Laden. Man kommt nach Hause, hat vor der Tür Wald und Wiesen und Pferdekoppeln und einen Bach im Garten. Was will man mehr? Ich hab immer gesagt, die Welt schreit Ola und ich muss gehen. Aber so ist es nicht. Ich fühle mich hier sauwohl und will nicht weg. Ich sehe so viele Möglichkeiten – gerade, weil alles eine Nummer kleiner ist.“

Das Märchen von Ola und Max hat auch einen Soundtrack: „Das ist Dein Leben“ von Philipp Dittberner. „Vor unserer Eröffnung lief das immer im Radio“, erzählt Ola. „Das ist Dein Leben, das ist wie Du lebst. Warum wir manchmal fliegen, nicht mal wissen wie es geht. Ich hab mir damals gedacht, hey, das passt halt voll gut zu uns!“

Erstveröffentlichung: Wirtschaftsregion Hochfranken

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