Entschleunigung pur: Lama-Trekking als Familienerlebnis

Safran, Cayenne, Anis, Tabasco, Thymian, Pepperoni und Kümmel. Was klingt, wie eine wilde Gewürzmischung, ist eigentlich die Aufzählung der Namen gemächlicher Lamas, die man hier, im Landkreis Hof, direkt vor der Haustür findet. Bei einer Wanderung durch den schönen Frankenwald haben wir sie und ihre Halter, Michael und Michaela Baier kennengelernt. Ein Erlebnisbericht von aktiver Entspannung, leidenschaftlicher Motivation und liebenswerten Marotten.

Meine beiden Kinder können es kaum erwarten und auch mein Lebensgefährte und ich sind voller Vorfreude, als wir uns eines Freitags auf den Weg nach Döbrastöcken, bei Naila, machen. Dass ein Lama-Spaziergang etwas ganz Besonderes sei, haben wir im Vorfeld gehört. Eine wunderbare Entschleunigungstechnik. Ein unvergessliches Natur- und Familienerlebnis. Wir freuen uns auf unseren Kurzausstieg vom Alltag. Als wir im verschneiten Frankenwald aus dem Auto steigen, fällt mein Blick auf den Pullover meiner Tochter. „I’m a unicorn“ ist darauf zu lesen. Ob sich das wohl vertragen wird?
Herzlich werden wir von Michael Baier, Halter der sogenannten „Mitimino“-Lamas, auf dem Parkplatz empfangen. Zu unserer Rechten geht es hinunter in den Wald, zu unserer Linken hoch zum Döbraberg. Obwohl wir nur 25 Minuten gefahren sind, befinden wir uns mitten in der Natur. Der Schnee glitzert ruhig in der Sonne. Es ist wunderschön hier.

Am Stall der Tiere lernen wir vier andere Gäste und die Hausherrin, Michaela, kennen. „Micha und Micha“, lachen die beiden mit gesunder Gesichtsfarbe. Ihre entspannte, freundliche Mimik fällt sofort auf. Dann erfahren wir, dass der Begriff „Mitimino“ nicht etwa eine besondere Gattung der Tiere beschreibt, sondern eine Wortneuschöpfung ist, die sich aus den Vornamen der Familienmitglieder zusammensetzt: Michael, Tim, Michaela und Noah.

Seit 2010 lebt Familie Baier mit der Kamelart zusammen auf ihrem großen Grundstück. Doch wie kommt man auf die Idee, gerade Lamas zu halten? „Als wir hier den alten Hof hergerichtet haben, stand für uns schon fest, dass einmal größere Tiere bei uns leben sollten. Irgendwann haben wir in einer Wanderzeitung von Lama-Trekking gelesen. In den nächsten eineinhalb Jahren haben wir uns dann immer mehr mit dem Thema beschäftigt. Haben an Wanderungen teilgenommen, uns belesen und uns einfach in die Idee verliebt“, erzählt Michael. Außerdem seien die genügsamen Tiere verhältnismäßig pflegeleicht.
Es gibt eine kurze Einführung. Wir erfahren, dass Lamas Fluchttiere sind, die ohne Leine eher den Abstand zu Menschen wahren. Ihre Gemüter sind freundlich und anpassungsfähig. Die zotteligen Wesen mit den lustigen Proportionen können sich zudem leicht erschrecken. Gefahr bestünde im Umgang mit Lamas aber zu keiner Zeit. Meine Kinder merken schnell, dass sie ihre aufgeregte Stimmung an die Tiere anpassen müssen und werden augenblicklich ruhiger. Die Entschleunigung hat begonnen.
Michael räumt gleich mit einem hartnäckigen Vorurteil auf. „Lamas spucken sich übrigens nur gegenseitig an“, erklärt er. „Sie spucken mit Heu, denn sie sind Wiederkäuer. Dabei können sie aber Mensch und Tier unterscheiden.“ Zumindest Michael sei in all den Jahren noch nie getroffen worden. „Man darf bei Meinungsverschiedenheiten eben nicht dazwischenstehen“, lacht der Halter augenzwinkernd.

Auf Tuchfühlung

Die Lamas werden uns zugeteilt. Ich nehme die Rolle des Springers ein, damit ich besser Dokumentieren kann. Mein Sechsjähriger bekommt Safran und soll mit ihm allen voran laufen. Neben dem großen Lama sieht er winzig aus. Ungeduldig summt ihn das Tier an. „Safran will endlich los“, lacht seine Halterin. Also machen wir uns auf den Weg in den Wald. „Normalerweise lauen wir zum höchsten Punkt des Döbrabergs“, erklärt Michaela. „Nur nicht im Winter, da kommen wir uns mit den Sportlern ins Gehege.“

Die Tiere sollen rechts von uns laufen, doch Tabasco, das Lama meiner Tochter, geht hinter ihr. Michaela erklärt ihr, woran das liegt. „Tabasco sieht, dass du hier an der Seite vom Weg läufst, weil es in der Mitte glatt ist. Das macht er dir nach.“ Lamas sind anpassungsfähig und eigenwillig zugleich. Die Mischung macht das Erlebnis so besonders.
Erstaunt beobachte ich, mit welcher Selbstverständlichkeit mein Sohn die Gruppe mit Safran anführt. Das große Tier stolziert fügsam neben ihm her. „Das ist eben super für’s Selbstbewusstsein der Kinder“, schwärmt Michael. Ich frage ihn nach den therapeutischen Möglichkeiten mit den Tieren. „Ja, man kann auch tiergestützte Therapien mit Lamas machen. Bei uns waren schon verschiedene schwerstbehinderte Kinder da. Auch im Rollstuhl.“ Aber auch suchtkranke Erwachsene kämen regelmäßig. Selbstvertrauen stärken, in den Moment kommen, die Natur spüren. Darum ginge es bei solchen Besuchen.
Für ihn selbst sei die Kunst bei den Ausflügen immer, die passenden Charaktere zusammenzufinden. Weiter vorne beobachte ich, wie das Lama meines Lebensgefährten immer wieder den Kopf wegreißen will und so die bestimmende Ruhe meines Freundes einfordert. Ähnlich rebellisch, wie das Pferd, das er normalerweise reitet. Meine Tochter läuft mit Tabasco, der ohne ihre Führung unsicher wird oder gar ganz stehenbleibt. Mein Sohn – normalerweise der Trödler unserer Familie – führt weiterhin zügig an. Michael ist die Zuteilung gut gelungen, finde ich.

Ein lohnenswertes Familien-Hobby

Und wie zeitaufwendig ist das spezielle Hobby der Familie? „Um ca. 4:30 Uhr geht es morgens los. Wir machen den Stall sauber, versorgen die Tiere und treffen uns dann um 6 Uhr am Frühstückstisch.“ Danach schwärmen alle zu ihren Jobs aus.
Michael arbeitet in Vollzeit als Produktionsleiter im Holzwerk Ströhla. Michaela ist als Teilzeitkraft tätig. „Spätestens abends um 9 Uhr sind wir aber eben auch platt“, erklärt sie. Klassische Wochenenden gäbe es nicht. Doch das stört das Paar keineswegs. „Man lebt in Einklang mit der Natur und lernt immer neue Menschen kennen“, schwärmt Michael. Als die Söhne noch jünger waren, sei es zudem die Familienbeschäftigung schlechthin gewesen. Und nicht zuletzt mache es das Paar stolz, dass sich die Leute der Region mit ihrem Angebot identifizierten. „Schau mal, da sind unsere Lamas“, höre man die Bewohner manchmal sagen.

Trend-Tiere und ihre Eigenheiten

Als wir stehen, weil Anis an ein paar Zweigen knabbert, fängt ein anderes Tier wieder an, zu summen. Wir müssen alle über das sonderbare Geräusch lachen. Michael hilft mir auf die Sprünge bei der Suche nach einer passenden Beschreibung für die einzigartigen Laute. „Ich vergleiche es immer mit diesen Teddybären, die gebrummt haben, wenn man sie kippt.“ Und Tatsache. Genauso klingen die niedlichen Tiere.

Schon bald befinden wir uns auf dem Heimweg, denn eine Stunde vergeht wie im Flug. Anis hat es eilig, obwohl wir bergauf gehen. „Wahrscheinlich muss er mal“, schmunzelt Michaela. „Lamas machen nicht einfach da hin, wo sie gerade sind. Sie haben ihren festen Kloplatz dafür“, ergänzt ihr Mann. Spätestens jetzt, nachdem wir diese Marotte kennen, sind auch wir überzeugte Fans der Tiere.
„Lamas sind voll im Trend“, fällt Michael dazu ein. Und ich erinnere mich tatsächlich an einen kürzlich gelesenen Artikel, in dem prophezeit wurde, dass Eulen und Einhörner von Lamas abgelöst würden. Meine 9Jährigere Einhorn-Liebhaberin jedenfalls, verschickt bereits erste Fotos. Ein Blick in den reizenden Souvenir-Bauwagen auf dem Hof, verrät außerdem, dass man sich bereits mit entsprechenden Fanartikeln ausstatten kann. Lama-Socken, Lama-Seife, Lama-Gemälde oder Nudeln in Lama-Form werden hier angeboten.

Die perfekte Gruppenunternehmung

Während unsere Lamas schon alle zufrieden fressen, zeigt uns die Familie Baier noch ihr neuestes Angebot: Ihre Merienda Scheune. Hier können hungrige Gäste nun auch ihre selbst belegte Pizza genießen. Ein großer Pizzaofen wurde extra dafür angeschafft. In Kombination mit dem „Landvergnügen“-Stellplatz für Campingfreunde wird das Naturerlebnis in der Gruppe so perfekt abgerundet.

Unser Fazit also: Die Familie Baier leistet einen wertvollen Beitrag für das Hofer Land. Von ihrem speziellen Angebot werden nicht nur Einheimische, sondern auch Urlauber aus aller Welt angelockt. Denn egal ob Kindergeburtstag, Firmenausflug oder Klassentreffen – Lama-Trekking ist für jeden was. Wir kommen auf jeden Fall wieder!

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Jennifer Müller