Kaffee, Kuchen, Seele: Das Café Schokomädchen

Text: Maria Brömel
Fotos: Maria Brömel und Svenja Lottes

Wenn Svenja das Café betritt, schauen alle Kaffekännchen auf. Der silberne Kerzenhalter streckt sich, die Herzkekse in den Deckelgläsern kichern leise, das Röhrenradio vibriert auf seinem Podest, die Holzscheite im Ofen glimmen auf und es wird im ganzen Raum zwei Grad wärmer. Das hier ist nicht ein Café, das ist Svenjas Café. Jeder Goldrand-Teller, jede rosenverzierte Zuckerdose, jedes Väschen ist von ihr ausgesucht worden, und die Dinge wissen das. Das Café Schokomädchen in Reuthlas bei Münchberg ist ein magischer Ort.

Es hat ein bisschen gedauert, bis Svenja Lottes (24) und ihr kleines Café sich gefunden haben. Zuerst einmal musste Svenja herausfinden, dass sie doch nicht Ärztin oder Managerin wird. Sie musste, wie das viele machen, aus beruflicher Ratlosigkeit nach dem Fachabi das Kellnern anfangen und mit einiger Verwunderung feststellen, wie glücklich sie das macht. Sie musste auf die Hotelfachschule in Pegnitz gehen, in einem Sternehotel in Österreich für Gäste arbeiten, die gerne 2.000 Euro pro Nacht bezahlen, aber ungerne freundlich zum Personal sind. Und, viel schöner, in einem kleinen Hotel in Island mit den Gästen auf Reittouren durch den Inselnorden gehen. Und dann musste sie, aus voller Überzeugung und ein bisschen auch aus Heimweh wiederkommen in ihre Heimat Münchberg. „Das hätte ich nie gedacht, aber mich hat’s einfach wieder nach Hause gezogen.“

Das alte Bauernhaus in Reuthlas musste erkennen, dass es nach langen Jahren als „Be Happy“ und „Kleine Kneipe“, gar keine Kneipe mehr sein will, sondern lieber ein Café. Es musste seine Eigentümer überzeugen, dass sie auf die Suche nach neuen Pächtern gehen. Svenja musste zufällig die Anzeige im Internet sehen. Ihr Verlobter Steffen, der gelernte Küchenmeister und sonst so skeptische Steffen, musste bei der Besichtigung in Reuthlas plötzlich Begeisterung in sich aufsteigen fühlen und denken, dass das der richtige Ort sei. Dann kam Svenja, und sie wusste: Genau hier, auf halbem Weg zwischen Konradsreuth und Münchberg, in dem 78-Seelen-Dorf Reuthlas, das für nicht viel mehr als seinen Kreisverkehr bekannt ist, hier sollte es wahr werden: das Café, von dem sie schon immer geträumt hatte.

„Ich liebe es einfach, es meinen Gästen schön zu machen. Es gibt für mich nichts Besseres als zu kellnern, den Leuten ein schönes Stück Kuchen zu bringen und zu sehen, dass sie sich freuen und eine gute Zeit bei mir verbringen.“ Die Mädchenrunde am Ecktisch lächelt und nickt: Das Café ist durchweht von Svenjas Herzlichkeit.

Man könnte das Café Vintage nennen, aber es ist nicht nur Vintage, es hat Seele. Weil die Kissenbezüge Svenjas Mutter genäht hat, weil die Filethäkeleien auf den Tischen selbstgemacht sind, weil Svenja die Karte mit der Hand schreibt, weil das altmodische Porzellan genauso zusammengewürfelt ist wie die alten, selbstgestrichenen Stühle und trotzdem alles zusammenpasst. Beim Torten- und Kuchenbacken helfen alle zusammen: Svenja und Steffen, Svenjas Oma und ihre Mutter, mit den Zutaten, mit denen Omas und Mütter eben backen und zu denen alles Künstliche, Fertiggemischte und Stabilisierende nicht passt. Erdbeertorte gibt es im Früh-, Blaubeerkuchen im Spätsommer, Kürbis- und Apfelkuchen im Herbst, Eierlikör- und Schokotorte immer. Der Kaffee ist bio, die Frühstücksbrötchen aus der Münchberger Bäckerei Roßner, dazu gibt es Marmeladen und Lachscreme, natürlich auch selbstgemacht.

Dass Gastronomie ein Knochenjob sei, mit unzumutbaren Arbeitszeiten, hohem Energieaufwand und wenig Gewinn, dass es verrückt sei, nicht auf all jene zu hören, die zu Studium und etwas beruflich Solidem geraten haben, dass es schwierig sei, ein Café mitten auf dem Dorf zu etablieren und dass sie mit 24 ohnehin zu jung sei – all das kann man sagen. Aber dann funkeln lauter kleine Trotzdems in Svenjas Augen.

Draußen kann es kalt sein oder laut oder stressig, im Café Schokomädchen ist es warm und ruhig. Die Zeit wird honigzäh, das Licht golden. Wer lange aus dem Fenster auf die Wiesen und Felder geschaut, wen das Summen der Gespräche und das zweite Stück Kuchen ein bisschen träge gemacht hat, der wird vom intensiven Espresso wieder wach, um festzustellen: Seine To-do-Liste ist auf seltsame Weise geschrumpft. Einziges Vorhaben: Nächstes Mal Lufttorte probieren! Svenjas Oma backt sie aus Baiser und Sahne und Früchten und wenn Svenja sie bringt, streut ihr Lächeln Lichtpunkte darauf und verzaubert sie in einen Traum.

Scheune

Café Schokomädchen

Café Schokomädchen
Reuthlas 2
95176 Konradsreuth
09292 / 9776303
cafeschokomaedchen@web.de
Öffnungszeiten: siehe facebook.com/cafeschokomaedchen 

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