“Wenn die Seelen wandern”. Brauchtum rund um Allerseelen

Diesen Leichenzug hat Horst Schröder für die Nachwelt festgehalten. Der schwarzen Kutsche folgten die Hinterbliebenen und zogen so vom Dorf hin zur Kirche, wo die Trauerfeier stattfinden würde.
(Slg. Adrian Roßner, Photosammlung Horst und Lilo Schröder)

Der Herbst hat Einzug im Hofer Land gehalten. Mit den ersten feinen Nebelschwaden, die über die Landschaft ziehen und den langsam sinkenden Temperaturen schlägt auch die große Stunde der Mythen und Mysterien. Nun, wenn die Tage kürzer und die Nächte dunkler werden, beginnt die Zeit des Aberglaubens. Insbesondere der November, der “Totenmonat”, rückt dabei mit seinem Brauchtum in den Fokus. 

Zu den Ursprüngen des Aberglaubens

Dessen Ursprünge wurden oftmals auf heidnische oder pagane Vorstellungen zurückgeführt, die sich von einer vorchristlichen Besiedlung ableiten sollen, doch reichen sie weitaus weiter zurück und werfen ein spannendes Licht auf eine Ur-Eigenschaft des Menschen: Die Neugier. Egal, ob es die biblische Eva war, die trotz aller Vernunft, die Gott ihr mit auf den Weg gegeben hatte, in den Apfel biss, oder ob es Dr. Faust war, der im gleichnamigen deutschen Nationalepos begreifen wollte, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, der Mensch strebt nach Wissen. Das tut er einerseits aus echtem Interesse daran, die Wunderwerke der Schöpfung zu enträtseln, andererseits aber auch, weil alles, was er nicht begreift, eine grundsätzliche Gefahr darstellen könnte, gegen die er sich wappnen will. Dumm nur, dass er, wenn wir ehrlich sind, noch nicht allzu viel weiß:

Noch immer gibt es viele Rätsel und Geheimnisse, die der Mensch nicht entschlüsseln kann.

Es sind genau diese Rätsel, diese scheinbar unlösbaren Geheimnisse, die die Neugier entfachen und die dazu anstiften, den Geist in immer neue Höhen zu treiben! Leider aber führt das nicht unbedingt zum Erfolg und allzu oft muss der Mensch einsehen, dass er eben nicht alles verstehen kann. Es ist ein Stück weit „logisch“, dass er in solchen Situation eine gewisse Macht- und Hilflosigkeit verspürt, die ihm das Fürchten lehren. Um dagegen vorgehen und sich wenigstens einreden zu können, in irgendeiner Art dennoch die Kontrolle über die Situation behalten zu können, strengt der Mensch nun einfach seine Phantasie an. Auch wenn er die wahre Antwort auf die Frage, die ihn beschäftigt, so niemals finden wird, ist eine ausgedachte Lösung noch immer besser als gar keine. 

Unheimliche Geräusche in der Nacht

Übertragen auf ein Beispiel heißt das, dass es zielführender ist, die unheimlichen Geräusche, die des nachts durch die Wälder flirren, Geistern und Dämonen zuzuschreiben, gegen die man sich mithilfe teils recht abstruser Rituale schützen kann, als einsehen zu müssen, dass man nie genau wissen kann, was dort sein Unwesen treibt. 

Der Volksglaube stellt demnach den Versuch dar, sich Unbegreifliches wenigstens ansatzweise verständlich zu machen; und wann immer dies nicht mithilfe von Fakten und Tatsachen geht, bietet er die Möglichkeit, sich eine Erklärung auszudenken, die nicht stimmen, die aber wenigstens logisch sein muss. 

Eines der größten Mysterien, mit dem sich der Mensch seit Jahrtausenden beschäftigt, ist das des Fortgangs der Existenz nach dem Tod: Was passiert mit der Seele, was geschieht mit dem Bewusstsein?

Die Religionen versuchten diesen Fragen nachzugehen und Antworten zu bieten – aber dennoch blieb die Unsicherheit. Schnell begannen die Menschen daher damit, sich mit recht bodenständigen Erklärungen weiterzuhelfen, die wir bis heute im Brauchtum des Hofer Landes nachweisen können: Für sie war klar, dass die Seele den Körper beim Tod verlässt, was erklärt, warum beim Sterbefall gefälligst die Fenster zu öffnen sind, um ihr den Aufstieg in den Himmel ermöglichen zu können. Die Vorstellung einer Trennung von Animus, also Geist, und Corpus, dem irdischen Leib, führte zur Idee der wandernden Seelen, die wir heute als Gespenster oder Geister bezeichnen und die, trotz des Fehlens eines sichtbaren „Gefäßes“ oder Leibes einen eigenen Willen haben können.

Die wandernden Seelen 

Ein “Duudnweckla”, das den Seelen auf ihrer Wanderschaft Kraft spenden sollte. Oft wurden solche Laibe auch am Beginn des Lebens verschenkt und dienten als Bestandteil der “Patenware”, die dem Kleinkind zur Taufe gegeben wurde. (Slg. Adrian Roßner, Photosammlung Horst und Lilo Schröder)

An manchen Tagen, so der Volksglaube, kehrten diese Animi auf die Erde zurück und überschritten damit die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits: Die Raunächte, die Zeit des Übergangs vom alten zum neuen Jahr, zählen ebenso zu solchen Mischebenen, wie die ersten Tage des Novembers, des sogenannten „Totenmonats“. An das Hochfest Allerheiligen schloss sich daher Allerseelen, das Fest der Toten, an, an dem die Seelen der Verstorbenen wandeln und man sich tunlichst davor hüten sollte, sie zu verärgern. Stattdessen galt es, sie willkommen zu heißen und ihnen zugleich zu ermöglichen, die Rückreise in ihre eigene Welt ohne große Probleme anzutreten. Dazu wurden an den Gräbern Lichter aufgestellt, die den Weg der Seelen erhellen sollten, ehe man die Friedhöfe für die Nacht abschloss. Dann nämlich gehörten die Areale allein den Verstorbenen. Um sie auf ihrer Reise zu stärken, legte man „Seelenbrot“ oder „Duudnweckla“ aus, die sie verspeisen konnten und da diese teils reich geschmückten Brotleiber am nächsten Tag verschwunden sein mussten, zogen schon bald die Kinder um die Häuser, um sie einzusammeln, was am Ende im modernen „Halloween-Brauchtum“ fortlebt. Auch das Verkleiden, um die Seelen damit zu erschrecken, sofern sie sich zu lange im Diesseits aufhalten, gehört zu den uralten Bräuchen der Hofer Region. Einen ähnlichen Hintergrund hatte das Aufstellen kunstvoll verzierter Lampions aus Rüben (später Kürbissen), die einerseits den Weg zeigen, die Seelen andererseits aber auch ängstigen und so zum schnellen Weiterzug bewegen sollten. Blieb nämlich ein Animus in der Gegenwart verhaftet, so würde er im schlimmsten Fall als Geist sein Unwesen treiben und die Menschen ärgern, bis sich die Grenze zum Jenseits erneut öffnete und er wieder seine Ruhe finden konnte. 

Bis heute hat das Brauchtum seine Bedeutung

Diese Vorstellung mag sich für die heutigen Betrachter teils richtiggehend makaber anhören, doch bot das Brauchtum rund um Allerseelen so die Möglichkeit, mit den vorangegangenen Liebsten in Kontakt zu treten und gegen die Einsamkeit ankämpfen zu können. Die Meinung, dass Menschen nicht komplett „verschwinden“, sondern wenigstens durch ihre Seelen bei uns bleiben, ist tröstlich und gibt in besonders schweren Stunden verlässlichen Halt. 

Wenngleich heute fast niemand mehr die alten Riten rund um Allerseelen kennt und die Kinder lieber verkleidet Halloween feiern, sollte man sich bewusst machen, welche ursprüngliche Bedeutung diese Tage für unsere Ahnen hatten und ihnen mit Respekt begegnen. Immerhin ist es gerade heute, in einer sich immer schneller verändernden Welt, umso wichtiger, zu wissen, wo man herkommt. Und bei der Beantwortung dieser Frage nach der regionalen Identität spielt das Brauchtum – mag es teils noch so unheimlich sein – eine wichtige Rolle. 

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Adrian Roßner