Perle für Musikliebhaber: Internationaler Workshop „Alte Musik in Hof“

Einmal im Jahr reisen Musikliebhaber aus ganz Europa nach Hof an der Saale, um hier einer gemeinsamen Leidenschaft nachzugehen: Sie kommen zum internationalen Workshop „Alte Musik in Hof“, der seit 2012 jährlich nach Pfingsten hier stattfindet und sich als feste Größe etabliert hat. Für Stadt.Land.Hof erzählen die Macher René Jampen und Georg Stanek von der Erfolgsgeschichte.

Die Veranstaltung hat sich innerhalb weniger Jahre von einer Liebhaber-Idee zu einem etablierten Treffpunkt der internationalen Szene entwickelt. Die Liste der Dozenten liest sich wie das Who is Who der Alten Musik. Die Teilnehmer werden stetig mehr. Und sie bringen Internationalität nach Oberfranken: Seit 2012 kamen Musiker aus 18 Nationen. Die Unterrichtssprache ist Englisch.

Alte Musik: Jünger als man denkt

Wie erklären sich die Veranstalter den Erfolg von „Alte Musik in Hof“? Zum einen boomt die Szene. Die sogenannte Alte Musik, also die europäische Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, wurde in den 1950er Jahren wiederentdeckt. Besonders seit den 70er Jahren kam es dann zu einer starken Welle der aktiven Wiederbelebung, ausgehend von Zentren wie Innsbruck und Basel, aber auch in den Benelux-Ländern und England. „Das war quasi die Renaissance der Renaissance“, witzelt Organisator René Jampen. Und gerade in den letzten Jahren, das beobachten die Profi-Musiker Jampen und Stanek, habe sich eine sehr lebendige Musikszene „enorm jung und dynamisch entwickelt und stark professionalisiert“. Zum anderen aber überzeugen auch das Konzept und die Durchführung des Hofer Workshops. Viele Dozenten und Teilnehmer kommen jedes Jahr wieder. „Sie wissen, was sie hier erwartet, und, dass es hier läuft“, so Kirchenmusikdirektor Georg Stanek.

Das Hofer Konzept: Profis und Laien lernen bei internationalen Star-Dozenten

Dem Workshop „Alte Musik in Hof“ gelingt es, die Brücke von Profis zu ambitionierten Laien zu schlagen. „Hier musizieren etwa junge Musikstudenten mit gestandenen Musiklehrern und ernsthaften Hobbymusikern, die eigentlich Ärzte oder Architekten sind“, erzählt René Jampen. Sie alle können hier ihre vorhandenen Fähigkeiten verfeinern oder sich als Quereinsteiger mit der besonderen Spielweise auf historischen Instrumenten vertraut machen. Diese starke Durchmischung von Altersgruppen und beruflichen Hintergründen schafft eine besondere Atmosphäre und Dynamik, berichten die Organisatoren. “Wir haben hier keinen Nerd-Sumpf“, unterstreicht Jampen.

„Das Anziehende an unserem Workshop sind ja nicht wir. Das Anziehende sind die Dozenten. Die sind echte Koryphäen der internationalen Musikszene.“
René Jampen über sich und seinen Kollegen Georg Stanek

In Hof treffen die Teilnehmer auf hochkarätige Dozentinnen und Dozenten ohne Starallüren, die international gefeierte Größen ihres Fachs sind. Die buntgemischte Schar der Tutoren kommt aus verschiedenen Ländern Europas, aus Mexiko und den USA. So unterrichtet zum Beispiel die gefragte Sängerin und Gesangsdozentin Monika Mauch regelmäßig beim Hofer Workshop. Auch die bekannten Barockposaunisten Adam Woolf aus Großbritannien und David J. Yacus aus den USA sowie die renommierte französische Zinkenistin Judith Pacquier sind seit vielen Jahren dabei.

Der Schwerpunkt des Hofer Workshops liegt auf Renaissance und Frühbarock sowie auf den Instrumenten Zink und Barockposaune, Paradeinstrumente der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Ergänzt werden diese durch weitere Instrumente, die von Jahr zu Jahr wechseln. Oder durch Gesang, denn der mischt sich besonders schön mit dem Klang der historischen Instrumente.

 

Die Organisation des Musik-Workshops: Professionell geplant

Auf das Organisationstalent des fränkisch-schweizerischen Duos Stanek-Jampen ist Verlass. René Jampen betont: „Wenn die Teilnehmer ankommen, erfahren sie bei uns bereits genau, was sie erwartet: Wo sie wann bei welchem Dozenten mit wem welches Stück spielen werden.“ Das sei nicht bei jedem Workshop, von denen es europaweit inzwischen einige gibt, der Fall.

„Die professionellen Rahmenbedingungen sind eine Besonderheit unseres Workshops. Die sind nicht allerorts üblich.“ René Jampen

Für die Organisatoren selbst bleibt es hinter den Kulissen bis etwa zwei Wochen vor dem Termin spannend. Denn erst, wenn alle Teilnehmer bekannt sind, wird die finale Auswahl der Musikstücke getroffen – entsprechend der Art und Anzahl der vorhandenen Instrumente. „In der Hofer Michaeliskirche mit ihren Emporen können wir auch 16-stimmige Chöre zumindest nachbilden, die ursprünglich für riesige Kathedralen wie San Marco in Venedig geschrieben wurden“, erklärt Georg Stanek. Aufführungen in so großer Besetzung sind eine seltene Gelegenheit und ein echtes Highlight für heutige Musiker Alter Musik.

Das Programm: Kombination aus Kursen und Konzerten

Es gibt jedes Jahr zunächst ein Eröffnungskonzert mit den Dozenten und dem professionellen Ensemble Concerto Bassano, das Jampen und Stanek gegründet haben. Dann beginnen die Kurse, in denen Musikstücke zu einem jährlich wechselnden Motto erarbeitet werden – 2018 etwa zum Thema „Prager Fenstersturz“, 2019 zum Thema „Musikalische Migranten“. Unterricht in Technik und Spielweise gehört ebenso dazu.

Ein besonderes Schmankerl ist dabei die Zusammenarbeit mit renommierten Instrumentenbauern, die ihre nach historischem Vorbild gebauten Musikinstrumente in die Stadt Hof bringen. So können die Teilnehmer die Barockposaunen der Meisterwerkstadt Jürgen Voigt aus Markneukirchen ausprobieren oder die Orgeln von Walter Chinaglia aus der Provinz Como in Italien.

Den krönenden Abschluss von fünf lehrreichen Tagen in Oberfranken bildet das große Abschlusskonzert mit allen Teilnehmern und Dozenten in der Hofer St. Michaeliskirche, der größten protestantischen Kirche Oberfrankens. „Das ist ein echtes Konzert vor echtem Publikum – nicht wie sonst oft üblich nur vor den Angehörigen, die halt zum Abholen der Teilnehmer gekommen sind“, betont René Jampen. Und Georg Stanek ergänzt: „Da steigen dann auch der Druck und die Anspannung spürbar.“

 

Kulturelle Infrastruktur: Internationale Musikliebhaber entdecken die Stadt Hof

Attraktiv ist auch das Umfeld, in dem der Workshop in Hof/Saale stattfindet. In den ersten Jahren wurde noch in der Hofer Innenstadt geprobt, aufgeteilt in Räumen der St. Michaeliskantorei und der Hofer Symphoniker. Inzwischen ist die Hofer Freiheitshalle mit ihren Räumlichkeiten aller Größen – von den Konferenzsälen über Nebenräume bis hin zum Festsaal – der zentrale Probenort und offizieller „Partner“ des Events. Das bringt logistische Vorteile, denn alle Teilnehmer und Instrumente sind nun unter einem Dach vereint.

„Das Hofer Lincoln Center beeindruckt unsere internationalen Gäste.“
René Jampen über das Kulturareal von Hof/Saale

Und die Kulturmeile der Stadt Hof mit der Freiheitshalle, der Klangmanufaktur der Hofer Symphoniker und dem Theater Hof, in dessen „Kulturkantine“ meist das gemeinsame Mittagessen eingenommen wird, beeindruckt die internationalen Gäste. Auch das kulinarische Angebot und die Bierkultur hier in der Genussregion Oberfranken wird abends in geselliger Runde sehr gerne angenommen. „Besonders für die Bläser ist die hiesige Bierkultur sehr wichtig“, spielt René Jampen auf das alte, offensichtlich wahre Klischee vom Blasmusiker mit der stets trockenen Kehle an.

Potenzial: Wirtschaftskraft durch kulturelle Events

„Oft wird zu wenig wahrgenommen, dass kulturelle Veranstaltungen auch Wirtschaftskraft in eine Region bringen“, gibt René Jampen zu bedenken. „Vielleicht ändert sich das jetzt langsam, wo verstärkt auch kulturelle Highlights wie die Elbphilharmonie als Besuchermagnete gesehen werden.“ Nun ist dieser Workshop noch keine Großveranstaltung. Doch auch er hinterlässt Spuren. Die Veranstalter schätzen zurückhaltend, dass von den 50 Teilnehmern, die etwa 2018 nur wegen des Workshops überhaupt nach Hof/Saale reisten und fünf Tage blieben, jeder täglich mindestens 100 Euro hier ausgibt, schon für Übernachtung und Verpflegung. „Das kann man ja leicht hochrechnen, was da zusammenkommt“, so René Jampen. Es wären mindestens 25.000 Euro.

Musikszene: Bereicherung für Oberfranken und die gesamte Region

Das einheimische Kulturleben und das Publikum profitieren ebenfalls von der Veranstaltung, besonders von den hochklassigen Konzerten. Durch die Etablierung des Workshops wurde „ein großer weißer Fleck auf der Landkarte geschlossen“, erklärt Kirchenmusiker Stanek. Denn obwohl das Hofer Land bereits ein sehr lebendiges Kulturleben hat, mit Events in Stadt und Land, von jugendlicher Subkultur über die klassische Kirchenmusik, die Hofer Symphoniker bis hin zum Theater Hof, fehlte zuvor doch eine Veranstaltung, die sich gezielt der Alten Musik widmet.

Auch über die Grenzen Oberfrankens hinaus gebe es keine vergleichbare Veranstaltung im Landstrich zwischen Altbayern und Mitteldeutschland, erklärt Georg Stanek. Die nächsten Leuchttürme Alter Musik, etwa das Heinrich-Schütz-Musikfest in Weißenfels an der Saale und die Tage der Alten Musik in Regensburg, befinden sich in über 100 Kilometer Entfernung.

Auszeichnung: Aufnahme in die Reihe Musikzauber Franken

„Wir bieten in Hof Konzerte auf enorm hohem Niveau. Unsere Musiker sind international durch ihre Ensemble-Arbeit und CD-Einspielungen bekannt.“ Kirchenmusikdirektor Georg Stanek

So viel Qualität hat sich herumgesprochen: Im Jahr 2019 wurden die beiden Konzerte des Workshops erstmals in die Veranstaltungsreihe „Musikzauber Franken“ von Frankentourismus aufgenommen. Dies bezeugt hohe Qualität, bringt zusätzliche Bekanntheit und hilft, das Einzugsgebiet zu vergrößern. Denn die Alte Musik ist nach wie vor kein Mainstream und spricht ein vergleichsweise kleines, aber feines Publikum von Musikliebhabern an. Diesem wird in Hof einiges geboten, wie Georg Stanek betont: „Wir bieten in Hof ein enorm hohes Niveau. Unsere Dozenten sind international durch ihre Ensemble-Arbeit und CD-Einspielungen bekannt. Und auf diesem Niveau musizieren wir ja auch bei den Konzerten – und das bei freiem Eintritt, quasi auf Spendenbasis.“

Freier Eintritt für ein Konzert von internationalen Koryphäen. Das klingt nach falscher Bescheidenheit. Doch vor allem hilft es, den Organisations- und Personalaufwand dieses engagierten Zwei-Mann-Projektes gering zu halten. Die Arbeitslast ignorieren die Organisatoren jedoch lieber. René Jampen: „Allein für das Erlebnis, bei den Konzerten mit all diesen tollen Musikern spielen zu dürfen, lohnt sich die Mühe.“

Die Köpfe hinter dem internationalen Workshop „Alte Musik in Hof“

Obwohl die Organisatoren René Jampen und Georg Stanek seit Jahrzehnten aus der oberfränkischen Musikszene nicht wegzudenken sind, haben auch sie letztlich einen ‚Migrationshintergrund‘, genau wie die „musikalischen Migranten“ aus dem 2019er Workshop:

René Jampen

… gab 2011 den Anstoß für „Alte Musik in Hof“. Der gebürtige Schweizer studierte Posaune in Zürich und Biel. Von 1970 bis 2012 Posaunist bei den Hofer Symphonikern. Gründungsmitglied des Ensembles Rekkenze Brass. Im Berufsleben war er selbst Dozent, etwa in der Internationalen Musikbegegnungsstätte Haus Marteau des Bezirks Oberfranken. Im Ruhestand entdeckte er die Alte Musik und die Barockposaune für sich, reiste zu internationalen Zentren der Szene und nahm an zahlreichen Kursen und Meisterklassen teil. „Ich habe mir alles genau angeschaut und gesehen, wie ich es selbst machen würde. Und vor allem auch, wie ich es nicht machen würde“, erzählt er. „Da kam die Idee: So etwas brauchen wir in Hof! Und bei Georg Stanek hab‘ ich damit offene Türen eingerannt.“

Georg Stanek
… ist laut eigener Aussage „vom Unterfranken zum Oberfranken aufgestiegen“, als er – geboren und aufgewachsen in Ostheim vor der Rhön – nach Stationen in Bayreuth, Lübeck und Rothenburg ob der Tauber im Jahr 2001 nach Hof kam, um an St. Michaelis Stadt- und Dekanatskantor zu werden. Für seine Verdienste um die Kirchenmusik wurde er 2011 als Preisträger der Münchner Bücher-Dieckmeyer Stiftung sowie mit der Johann-Christian-Reinhart-Plakette der Stadt Hof ausgezeichnet. 2015 Ernennung zum Kirchenmusikdirektor. Er erzählt, dass er mit alter, auch mittelalterlicher Musik aufgewachsen ist: „Im Berufsleben dann geriet diese Art Musik neben der klassischen Kirchenmusik etwas in den Hintergrund.“ Bis René Jampen mit seiner Workshop-Idee auf ihn zukam.

Internationaler Workshop „Alte Musik in Hof“

Internationaler Workshop mit Kursangebot für Zink, Barockposaune, Gesang bzw. wechselnde weitere historische Instrumente, auf dem Areal der Freiheitshalle Hof. Öffentliches Eröffnungs- und Abschlusskonzert in Hofer Kirchen, Eintritt frei.

Organisiert von Georg Stanek und René Jampen. Unterstützt von regionalen Förderern wie 2019 der Hermann und Bertl Müller-Stiftung, Sparkasse Hochfranken, Wittig Architekten sowie Partnern wie Freiheitshalle Hof und Hotel Strauß.

Info: https://www.altemusikinhof.com/
Termin: Jährlich in den bayerischen Pfingstferien (Abweichungen möglich)
Veranstalter: St. Michaeliskantorei Hof (Organisation: René Jampen, Georg Stanek) https://www.hospitalkirche-hof.de/kirchenmusik/kirchenmusikhome.htm
Künstlerischer Leiter: Kirchenmusikdirektor Georg Stanek

Motto 2019: Migration – Musikalische Migranten (11.-16. Juni 2019)

Dozenten 2019: Monika Mauch (Gesang), Judith Pacquier (Zink), Josué Meléndez (Zink), David J. Yacus (Barockposaune), Adam Woolf (Barockposaune), Georg Stanek (Basso continuo)

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Dagmar Müller

Geboren und aufgewachsen in Hof an der Saale. Studium Sprachen und Kommunikation in Leipzig sowie Marketing Management in Hof. Hof-Rückkehrerin nach Stationen in Dublin, Madrid, Wien und München. Arbeitet im Marketing sowie als Übersetzerin und Autorin.