Von Hamburg nach Hof – Zwei Neubürger entdecken Stadt.Land.Hof

„Hier in Hof gibt es viele Möglichkeiten und tolle Events. Man sieht, dass etwas passiert!“

Vor acht Monaten sind Annett (27) und Karsten (29) von der Großstadt Hamburg nach Hof in Oberfranken gezogen. Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen, über die Entscheidung und die ersten Monate in neuen Stadt.

Anett Mönchgesang (27) und Karsten Georgi (29) sind zwei aufgeschlossene und kreative Köpfe. Wenn man mit den beiden Neuankömmlingen in der Stadt Hof unterwegs ist oder sie auf einer der vielen Veranstaltungen trifft, könnte man meinen, sie gehören schon immer dazu. So viele Bekannte laufen ihnen über den Weg und so gut sind sie über ihr neues Zuhause informiert.

Warum von Hamburg nach Hof an der Saale?

Die beiden gebürtigen Thüringer, die in der Nähe von Gotha aufgewachsen sind, lebten bedingt durch Ausbildung und Beruf in den vergangenen Jahren bereits in verschiedenen deutschen Städten, wie Frankfurt, Offenbach, Plauen, Hagen oder Magdeburg, und führten dadurch zeitweilig eine Fernbeziehung. Die letzten zwei Jahre verbrachten sie gemeinsam in Hamburg.

Dorthin war Anett 2014 zunächst alleine gezogen, um sich nach abgeschlossener Schneiderlehre und erster Berufserfahrung ihren großen Wunsch zu erfüllen: Gewandmeisterin werden. In Hamburg befindet sich die einzige Fachschule für Gewandmeister im deutschsprachigen Raum. Nach Anetts erfolgreichem Abschluss blieben die beiden in der Hansestadt, Karsten arbeitete in seinem Beruf als Tischler und war als freier Künstler aktiv, Anett arbeitete bei den großen Musical-Produktionen „Das Wunder von Bern“ und „Ich war noch niemals in New York“ als Dresserin und stellvertretende Teamleitung.

Ihren Traum, an einem Theater als Gewandmeisterin zu arbeiten, hat sie dabei nicht vergessen. Doch will man sich diesen erfüllen, muss man flexibel sein: „Für Gewandmeister gibt es in ganz Deutschland circa zehn freie Arbeitsstellen pro Jahr“, erzählt Anett. Es gehört also viel Glück dazu, eine der raren Stellen zu erhaschen – und das möglichst an einem Ort, an dem man sich wohlfühlt. Vom Partner ist da ebenfalls Flexibilität gefragt. Immerhin erhielt Karsten Mitspracherecht bei der Ortswahl. Das Paar informierte sich online und vor Ort. Städte „im Nirgendwo“ und ohne spürbares kreatives Flair wurden abgelehnt.

Als die Stelle der Damen-Gewandmeisterin am Theater Hof vakant wurde, bestand Hof an der Saale die strenge Vorauswahl. Warum? „Das, was im Internet über Hof zu finden war, klang schon sehr vielversprechend.“, erinnert sich Karsten. Was für die beiden Thüringer außerdem pro Hochfranken sprach: Die Nähe zur alten Heimat und Familie, die gute Anbindung auch an größere kreative Zentren wie Nürnberg, Leipzig, Chemnitz, die naturnahe und doch zentrale Lage, mit hohem Freizeitwert und nah an Ausflugsmöglichkeiten in Franken, Thüringen, Sachsen und Tschechien. Sehr interessant fand Anett damals auch die überaus positiven Reaktionen, als sie den Hamburger Musical-Kollegen erzählte, dass sie sich am Theater Hof bewirbt: „Besonders bei Sängern und Schauspielern waren dann sofort die Hofer Filmtage Thema. Und dann natürlich das Theater.“ Das genieße in der Fachwelt besonders durch seine häufigen Uraufführungen und Deutschlandpremieren von Musicals und Schauspielen einen sehr guten Ruf.

Und wie schnitt die Stadt Hof an der Saale im direkten Vergleich mit der Großstadt Hamburg ab?

Gar nicht so schlecht. Die Größe und den Trubel der Metropole empfanden die beiden zunehmend als negativ und anstrengend, die Wege ins Grüne als weit:„In Hof sind wir mitten in der Natur!“ Auch die Vorteile des hochfränkischen Miet- und Preis-Niveaus durchschaute das Paar schnell. „Hier kann man sich nebenbei noch was sparen, für Urlaub oder später. In Hamburg kommt man oft nur auf Null raus. Das fand ich irgendwann bisschen deprimierend, wenn man den ganzen Tag dafür arbeitet.“, gesteht Anett. Obwohl Hamburg natürlich eine wunderschöne Stadt sei, schiebt sie schnell nach, mit unheimlich vielen Möglichkeiten: „Aber man wägt dann ab, was für die Zukunft besser ist.“ Zumal beide nicht aus einer Großstadt stammen, stimmen sie überein: „Hier ist es schöner.“

Und das solle ja nicht bedeuten, „dass es hier in Hof nicht auch viele Möglichkeiten gibt“. Im Gegenteil: „Es war uns sehr wichtig, in eine Stadt zu ziehen, wo was passiert.“, betont Karsten. Ihr Heimatort Gotha sei etwa von der Stadtgröße her identisch, biete jedoch keine vergleichbaren Möglichkeiten.

Vorab klang alles vielversprechend. Wurden eure Erwartungen erfüllt?

Die Neulinge haben sich sofort mitten ins pralle Hofer Leben gestürzt: Sie haben hier ihren ersten eigenen Schrebergarten, sind aktiv bei Tauschring, Foodsharing und Kunstverein und Stammpublikum beim Poetry Slam in der Kulturkantine des Theaters. Und das ist längst nicht alles.

Anett und Karsten empfinden Hof/Saale als eine Stadt, die ihnen als Kreativen sehr viel bietet, wo man mitmachen und sich einbringen kann. Kurz nach der Ankunft durfte Karsten schon als Künstler beim jungen Kunstevent „Hoftexplosion“ ausstellen – eine erste große positive Überraschung. In der Kunstszene gebe es sonst oft Neid. Aber in Hof seien alle entspannt und offen gewesen und hätten ihn sofort integriert. Auch das Niveau der Veranstaltung hat die beiden beeindruckt. „Ich war sehr angetan, weil das eben auch eine Größe hatte und große Vielfalt an Facetten und Künstlern.“, erzählt Karsten. „Da kommt man in so `ne Kleinstadt und dann so ein riesen Projekt!“ Anett hat die Hoftexplosion mit ihrer Mischung aus Kunst, Poetry Slam und DJs an Events in der Metropole Hamburg erinnert, etwa an die Millerntor-Galerie auf St. Pauli, wo auch einmal im Jahr eine große Ausstellung für Urban Art und Graffiti fernab der klassischen Kunst stattfindet.

Neugierig verfolgen die beiden nun ähnlich offene und engagierte Projekte junger Hofer, wie „Awalla“ oder das Kulturzentrum „Alte Filzfabrik“, und sie engagieren sich, wo sie können. „Das finden wir super spannend!“, freut sich Anett. „Da merkt man: Es geschieht hier was in Hof!“

„Und man kann mitmachen. Das find ich so schön. Man kann sich so einbringen. Man lebt nicht an der Stadt vorbei,“ so Anett.
Und sie gestalten mit, auch das Stadtbild: Karsten darf als Graffiti-Künstler Kasi mehrere Flächen in der Stadt Hof verwandeln, zum Beispiel eine große Wandfläche am neuen Awalla-Gelände. Am Rockwerk hat er bereits drei Türen optisch in nostalgische Kaugummi-Automaten verwandelt. Kaugummi-Automaten sind sein aktuelles künstlerisches Thema, zu dem ihn der Umzug nach Hof an der Saale inspiriert hat. Zuvor hatte er vor allem Menschen portraitiert. Der Charme alter Kaugummi-Automaten stach ihm in Hof ins sprichwörtlich offene Auge!

Für die beiden Neu-Bürger macht die Mischung aus Alt und Neu, aus Urig und Hip den besonderen Reiz in Hof/Saale aus. Sie gehen auch zum Weinleseabend einer Buchhandlung oder ins Schulkonzert in der Michaeliskirche und schätzen traditionelle, originelle Angebote wie im Kunstkaufhaus oder Galeriehaus. Das findet Karsten „erfrischend, denn es ist es urig und es finden immer tolle Veranstaltungen dort statt.“ „Das ist das, was ich meine: Mit diesen wechselnden Events, die ständig stattfinden. Und immer unterschiedliche Sachen. Das ist schon echt ziemlich cool.“ Sie freuen sich auf die zahlreichen Feste im Sommer, die ihnen Freunde und Kollegen bereits angekündigt haben: Schlappentag, Innenhofkonzerte, Nacht der Sinne, Saaleauenfest, … und vor allem das Hofer Volksfest. Wer weiß, vielleicht verpasst sich die Gewandmeisterin dazu das allererste Dirndl ihres Lebens.

Die Stadt Hof in den Augen von Neu-Bürgern

Dass manche Alt-Bürger ein negativeres Bild von der Stadt haben als sie, ist Anett und Karsten bereits aufgefallen. Dass die beiden viel aktiver und aufgeschlossener sind als manche Alteingesessene, fällt wiederum uns sofort auf. Wenn man ihnen zuhört, käme man nicht auf die Idee, dass sie von der gleichen Stadt sprechen, über die junge Einheimische mitunter klagen, es sei dort „nichts los“. Dass sie anders an die Stadt herangehen, sehen die Zuzügler in der eigenen Entwicklung und gesammelten Erfahrung begründet. „Ich glaube, wir haben durch die wechselnden Wohnorte ein gewisses Gespür entwickelt, was man schätzen sollte.“, so Karsten. „Man hat überall ein Angebot. Man muss es wirklich einfach nur nutzen.“ Und er ergänzt: „Man muss auch rausgehen können – und raus wollen.“ Auch Anett gibt zu bedenken: „Wenn man schon so negativ eingestellt ist, einer Stadt gegenüber, dann wird das auch nichts.“ Da sind sich beide einig: „Man muss es wollen!“

Positiveres Bild bei Zugezogenen

„Wo ich wirklich merke, dass die Leute begeistert sind, ist oft unter Zugezogenen, bei jungen Menschen, die nicht schon immer hier waren.“, berichtet Anett. „ Die sind oft viel positiver eingestellt gegenüber Hof als manch anderer, der schon viel länger hier ist, der hier schon geboren ist und das hier schon sein Leben lang hat – und der vielleicht auch das Interesse daran verloren hat und nicht mehr wahrnimmt, was da ist.“

Und jetzt: Ring frei für die negativen Erfahrungen! Zeit für ein bisschen Hof-Bashing?
Fast wäre den beiden trotz langer Bedenkzeit und intensiver Beschäftigung mit „Hof an der Saale“ nichts Negatives eingefallen. Am Ende kommt doch noch etwas: Die Hofer Bordsteinkanten empfinden Anett und Karsten – die an ihren wechselnden Wohnorten seit Jahren mit dem Fahrrad unterwegs sind – im Vergleich als „unfassbar hoch“ und als abenteuerlich zu bezwingen. Und sonst? Sonst nichts. Da kann man doch sagen: Fast schon wunschlos glücklich in Hof in Bayern ganz oben!

Text, Foto und Film: Dagmar Müller
Musik im Film: „Happy Song“ und „Ukulele Whistle“ by Scott Holmes – www.scottholmesmusic.com
Das Interview führten Lena Wunderlich und Dagmar Müller, die jeweils nach Studium und Berufstätigkeit in der fernen Großstadt nach Hof zurückgekehrt sind und durch das Gespräch mit Karsten und Annett nun ihre alte neue Heimat nochmal mit anderen Augen sehen.

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