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Sie ist extrem, aber auch eine der abwechslungsreichsten und interessantesten Wanderungen im Fichtelgebirge: 12 Gipfel, 65 Kilometer, 4.413 Höhenmeter. An einem Tag. Die 12-Gipfel-Tour im Selbstversuch.

12 Gipfel an einem Tag. Klingt verrückt, ist es auch. Knie- und Rückenschmerzen sind vorprogrammiert. Seit Jahren nehme ich mir vor, diese Tour zu machen. In meinem Freundeskreis war kein Mitstreiter zu finden. Also mach ich mich alleine auf den Weg vom Kornberg, dem Hausberg von Schwarzenbach an der Saale im Landkreis Hof, bis zur Luisenburg bei Wunsiedel – die 12 höchsten Gipfel in einem Rutsch. Selbstverständlich kann man die Tour auch in entgegengesetzter Richtung gehen. Geschmackssache. Auf eine spezielle Vorbereitung verzichte ich. Eine streng vorgegebene Route gibt es nicht. Ich habe mögliche Optionen im Vorfeld studiert und navigiere mit der App MapsWithMe. Die App ist kostenfrei und man kann mit den nötigen Geodaten auch offline navigieren. Ein super Tool, das so gut wie alle Trampelpfade kennt.

Meine Ausrüstung und mein Proviant: drei Müsli-Riegel, anderthalb Liter Wasser in kleinen Flaschen, zwei Bananen, ein Apfel, eine belegte Stange mit Käse. Geplant sind eine Rast und Wassertanken am Waldsteinhaus und in Karches. Außerdem im Rucksack sind ein Stativ, meine Kamera, mein Handy und ein Notizbuch. Ich habe mich für leichte Laufschuhe entschieden. Ein Großteil der Strecke verläuft auf befestigten Waldwegen und Trampelpfaden. Auf Stöcke verzichte ich, was ich später bereue.

Die Route im Überblick

Als Startpunkt habe ich die Vorsuchhütte am Fuß des Kornbergs gewählt. 65 Kilometer liegen vor mir, mindestens. Wer die Strecke an einem Tag schaffen will, muss sich ranhalten und sollte nicht jede Infotafel lesen, nicht jede Gaststätte mitnehmen und die zahlreichen Panoramaaussichten nicht zu lange genießen. Die Strecke ist im Netz mit mindestens 14 Stunden angegeben. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 4 km/h, reine Laufzeit ohne Pausen. Wer das schaffen will, muss ein Topathlet sein. Denn, die 12-Gipfel-Tour gilt nur dann als erfolgreich absolviert, wenn alle 12 Aussichtstürme bestiegen werden. Das bedeutet insgesamt mehr als 4.400 Höhenmeter.

Im Netz gibt es mehrere Tourenbeschreibungen, z.B. bei komoot.de oder bei outdooractive.de wobei sich die Streckenführung teilweise unterscheidet.

Alle Gipfel in chronologischer Reihenfolge:

  • Großer Kornberg (827 Meter)
  • Epprechtsein (798 Meter)
  • Großer Waldstein (877 Meter, Einkehrmöglichkeit am Waldsteinhaus)
  • Rudolfstein (866 Meter)
  • Schneeberg (1.053 Meter)
  • Nußhardt (972 Meter)
  • Ochsenkopf (1.024 Meter, Einkehrmöglichkeit in Karches oder im Asenturm)
  • Platte (884 Meter)
  • Hohe Matze (813 Meter)
  • Kösseine (939 Meter, Einkehrmöglichkeit am Kösseinehaus)
  • Haberstein (848 Meter)
  • Burgstein (879 Meter)

Es ist 4.30 Uhr, 17 Grad warm und noch dunkel, als ich zum ersten Gipfel, dem Großen Kornberg, starte. Der Weg führt einen schmalen Trampelpfad hinauf. Um mich zu orientieren nutze ich meine Handy-Taschenlampe. Eine zusätzliche Taschenlampe verursacht nur unnötig Gewicht. Und Gewichtsreduktion ist bei dieser Tour alles. Ich komme nach 30 Minuten am Gipfelplateau an. Vor mir türmen sich der Bundeswehrturm auf und die Schönburgwarte, der erste Aussichtsturm.

Die Sonne geht auf. Nächstes Ziel ist der etwa zehn Kilometer entfernte Epprechtstein. Der Pfad führt vom Kornbergplateau hinunter nach Wustung und Niederlamitz, entlang des Fränkischen Gebirgsweges, durch einen sehr lieblichen Mischwald mit wilden Himbeer- und Blaubeersträuchern und außergewöhnlichen Felsformationen, den Wackelsteinen.

Zeitreise durch die Region

Bislang ist die Tour ein eher gemütliches Dahinlaufen. Ich bin richtig euphorisch. Ein toller Tag steht bevor. Die Sonne im Rücken, vor mir der Epprechtstein mit der Burgruine auf dem Gipfel. Um 7:40 Uhr steige ich zum Epprechtstein auf. Ein schöner schmaler Wanderweg. Der Aufstieg ist eine Reise durch die Geschichte der Region. Den Weg säumen Infotafeln und Relikte aus der Zeit, als dort noch Granit abgebaut wurde. Nicht weit entfernt liegt das Granitlabyrinth. Die Hänge des Epprechtsteins sind von insgesamt 20 Steinbrüchen zerwühlt, darunter der weithin sichtbare Schloßbrunnenbruch auf der Ostseite. Bis auf wenige sind die Brüche nicht mehr in Betrieb. Der Abbau von Granit im Fichtelgebirge hat Tradition und reicht weit zurück. Granit steckt in vielen alten Gemäuern der Region. Ein Beispiel ist die im 13. Jahrhundert erstmals erwähnte Burg Epprechtstein auf dem Gipfel. Mein nächstes Ziel. 1553 wurde die Burg zerstört und ist seitdem eine Ruine. Ich erreiche den Gipfel um 8.00 Uhr. Die Aussichtsplattform erlaubt einen wunderbaren Panoramablick.

Es wird wärmer. 30 Grad sind für heute vorhergesagt. Die Tour geht weiter zum Großen Waldstein, etwa sieben Kilometer entfernt. Die Route verläuft jetzt zum Großteil auf befestigten Waldwegen. Das bedeutet Strecke machen.

Der Gipfel des Großen Waldsteins ist ein beliebtes Ausflugsziel mit etlichen Sehenswürdigkeiten wie der Aussichtskanzel („Schüssel“), dem Teufelstisch, dem Roten Schloss oder dem Bärenfang. Außerdem gibt es eine schöne Gaststätte, das Waldsteinhaus. Dort möchte ich meine erste Rast machen, Wasser und mein Handy auftanken. Die Navi-App frisst ziemlich viel Strom und mein Akku ist bereits zu einem Drittel verbraucht. Als ich der Wirtin erzähle, dass ich die 12 Gipfel gehe und einen Artikel darüber schreibe, lädt sich mich spontan zum Essen ein. Letztendlich dauert die Pause gut eine Dreiviertelstunde. Eigentlich zu lang. Auf dem Weg hinunter nach Weißenstadt spüre ich zum ersten Mal ein übles Stechen in meinen Knien. Jetzt wären Stöcke eine gute Entlastung.

Berge und See

In Weißenstadt führt der Weg stadtseitig entlang des Sees. Der Bau des Siebenquell® Resorts hat der Stadt einen Schub gegeben und man merkt, dass sich viel bewegt. Eine kurze Abkühlung im See wäre schön. Aber ich halte mich nicht lange auf, um Zeit zu gewinnen, die ich am Waldstein verloren habe.

Hoch zum ersten Tausender

Es ist jetzt kurz nach Mittag. Fast 25 Kilometer habe ich hinter mir. Die Sonne knallt gnadenlos. Schnell hoch in die Berge. Der Rudolfstein ist das nächste Ziel. Noch drei Kilometer und nur noch sechs bis zum Schneeberg. Der Aufstieg zum Rudolfstein ist anstrengend, meine Knie machen mir Sorgen. Ich schalte jetzt von Genuss-Modus auf Durchhalte-Modus. Rauf zum Aussichtsturm, Beweisfoto machen, weiter zum Schneeberg, dem Höhepunkt der Tour und der erste von zwei Tausendern. Vorbei geht es am Drei-Brüder-Felsen.

An einer Wegkreuzung hinauf zum Schneeberg nehme ich den falschen Abzweig. Anstatt drei Kilometer zusätzlichen Umweg in Kauf zu nehmen, entscheide ich mich für eine Abkürzung durch den Wald zurück zur ursprünglichen Strecke, durch 50 Zentimeter hohes Gestrüpp und Geäst – mit kurzen Hosen. Lecker. Um 14.30 Uhr erreiche ich den Schneeberggipfel. Der Schneeberg ist mit 1.053 Metern der höchste Berg in Nordbayern. Wegen seiner Fernsicht war er schon immer von militärischer Bedeutung. Bereits im 15. Jahrhundert wurden dort Wachstationen eingerichtet. 1938 baute die Deutsche Luftwaffe einen 35 Meter hohen Holzturm auf dem Gipfel. Der Zweck blieb geheim. 1942 brannte der Turm ab. Nach dem Krieg errichteten die Amerikaner Gebäude und Anlagen, um den Funkverkehr auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs abzuhören. Von da an war der Schneeberggipfel militärisches Sperrgebiet. 1961 übernahm die Bundeswehr einen Teil des Gipfelareals und begann 1976 den Aufklärungsdienst im neu gebauten, wuchtigen Turm, der bis heute das Gesicht des Berges prägt. Mit Ende des Kalten Krieges wurden die Anlagen auf dem Schneeberg unnötig. Der letzte Soldat verließ 1994 den Gipfel. Heute ist der Schneeberggipfel wieder zugänglich für Besucher und Wanderer.

Ich bin seit über zehn Stunden unterwegs. Erst etwa die Hälfte der Strecke ist geschafft. Das Fotografieren, Lesen von Infotafeln und Notizenmachen rauben zu viel Zeit. Außerdem schmerzen meine Knie. Stehpausen sind Gift für die Muskeln und Gelenke. Die Treppen vom Aussichtsturm auf dem Schneeberg hinunter kann ich nur noch mit ausgestreckten Beinen laufen. Zum ersten Mal denke ich ernsthaft ans Aufgeben.

Frust nach 40 Kilometer

Zähne zusammenbeißen. Es geht weiter Richtung Nußhardt. Nußhardt abgehakt. Dann runter nach Karches. Der Abstieg ist schmerzhaft, das Stechen in den Knien wird immer schlimmer. Um 16.00 Uhr erreiche ich das Waldrasthaus Karches. Meine Motivation ist am Boden. Notgedrungen mache ich eine kurze Pause und plane die verbleibende Strecke. Meine Entscheidung: Wenn die restliche Strecke weniger als 15 Kilometer beträgt, dann mache ich weiter. Noch 25 Kilometer bis zum Ziel. In der verbleibenden Zeit nicht zu schaffen. Ich breche nach ungefähr 40 Kilometern ab. Ich bin absolut bedient und bestelle mir ein Frustbier. Dann noch eins. Um 17.30 Uhr werde ich abgeholt. Am nächsten Tag fälle ich den Entschluss zu einem zweiten Versuch.

Zweiter Anlauf

Mit weniger Foto-Ausrüstung, Laufstöcken und neuem Mut mache ich mich zwei Wochen später auf zum zweiten Versuch. Außerdem habe ich meinen Rücken und die Waden mit Wärmesalbe eingerieben. Ich starte eine Stunde früher als beim ersten Versuch, also schon um 3.30 Uhr, und laufe die ersten sechs Gipfel ziemlich leidenschaftslos ab. Keine Fotos, keine längeren Pausen, kein Mittagessen. Nur zum Wasserauffüllen halte ich wieder am Waldsteinhaus. Gegen 13.30 Uhr erreiche ich Karches, zweieinhalb Stunden früher als vor zwei Wochen. Die Knie und die Füße schmerzen. Wieder aufgeben? Niemals!

Die Bedingungen sind ideal. Das Thermometer zeigt 24 Grad, bei strahlendem Sonnenschein. Der Aufstieg zum Ochsenkopf dauert ungefähr 50 Minuten. Es ist ein Sonntag in den Sommerferien. Horden von Menschen stürmen den Berg – zu Fuß, auf dem Rad oder mit der Seilbahn. In der Asemturm-Gaststätte auf dem Gipfel gibt es die Möglichkeit zur Einkehr.

Ruhe abseits der Hotspots

Kaum verlässt man die Hotspots, wird es wieder einsam. Nach dem Abstieg vom Ochsenkopf und nach Querung der B303 auf dem Weg zur Platte begegne ich vielleicht einer Handvoll Wanderer. Der Gipfelbereich der Platte ist ein etwa vier Hektar großes Naturschutzgebiet. Auf der Ostseite befindet sich ein großes Trümmerfeld aus Granitblöcken, darüber der Rest eines Granitturmes, auf dem das Gipfelkreuz steht.

Ich habe mittlerweile eine fast 14-stündige Wanderung in den Knochen. Die Knie halten heute erstaunlich gut. Erst jetzt, zwischen Platte und Hoher Matze, merke ich wieder ein fieses Stechen. Den Abstecher zum 200 Meter entfernten Prinzenfelsen und die 300 Meter zur Girgelhöhle spare ich mir deshalb.

Von der Hohen Matze geht es hinunter nach Wurmloh, einem kleinen Weiler mit großer Bedeutung. Der Wurmlohpass bildet eine der Hauptwasserscheiden Europas. Nördlich des Passes fließt das Wasser über die Eger und die Elbe Richtung Nordsee, südlich über die Naab und die Donau ins Schwarze Meer.

Noch ungefähr neun Kilometer. Der Aufstieg zur Kösseine verläuft bis zum Wanderparkplatz auf einem asphaltierten Weg und ist relativ eben. Danach wird er steiler, richtig fies steil. Die zwei Kilometer bis zum Gipfel saugen meine letzten Reserven aus dem Akku. Ich bin völlig am Ende, als ich oben ankomme. Die Aussicht entschädigt für die Tortur, die Gaststätte liegt wunderschön. Ich stürze ein alkoholfreies Weißbier in mich hinein und schleppe mich weiter Richtung Haberstein.

Die letzten fünf Kilometer über Haberstein und Burgstein laufe ich wie in Trance und nehme gar nicht mehr wahr, was rechts und links passiert. Nur noch Durchhalten. Ich komme um 20.50 Uhr an der Naturbühne Luisenburg an, nach insgesamt siebzehneinhalb Stunden.

Mein Fazit am nächsten Morgen: Die 12-Gipfel-Tour ist extrem, aber es lohnt sich. Die Strecke ist enorm vielseitig und man erlebt das Fichtelgebirge in seiner ganzen Bandbreite. Die Panoramen sind wunderbar. Eine Wanderung, die man einmal im Leben gemacht haben muss.

 

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