Gelebter Denkmalschutz: Neues Leben im historischen Fachwerkhaisla

Denkmalschutz geht am besten gemeinsam. Wenn alle – Bürger, Ehrenamt, Verwaltung und Politik – an einem Strang ziehen. Ein Projekt im Hofer Land zeigt das: Das Fachwerkhaisla in Münchberg wird in den nächsten Jahren zur Keimzelle von KulCity, einem Konzept zur Entwicklung der Münchberger Innenstadt. Im Rahmen einer Genossenschaft werden Ladenflächen angemietet und an regionale Genusshandwerker vermietet, um ihnen eine angemessene Bühne zu geben. Auch die Genussregion Oberfranken soll sich darüber präsentieren können! Adrian Roßner wirft einen Blick in die Geschichte des Gebäudes und erklärt, wie es gelang, es vor dem Abbruch zu retten.

Beinahe in sich gekehrt steht es da, im Schatten der monumentalen Bauwerke der 1970er Jahre verborgen, und scheint in einer inhärenten Ruhe all das zu beobachten, was vor seinen blind gewordenen Fenstern geschieht: Das kleine Fachwerkhaisla in Münchberg. 

Wie viel es tatsächlich in den langen Jahren seiner Existenz gesehen und erlebt hat, vermag heute niemand mehr zu sagen. Doch schien seine Zeit 2015 zu Ende zu gehen: Damals hatte man geplant, das kleine Häuslein abzureißen, um Platz für die Straße zu machen, die bislang daran vorbeiführte. Die Argumentation dabei war schlüssig: So schön es auf den ersten Blick scheine, sei es doch kein „echtes Denkmal“, sondern vielmehr eine Blendfassade – ein „Fake“, wie man es neudeutsch ausdrückt. Immerhin handelte es sich nicht einmal um authentisches Fachwerk, sondern lediglich um Bretter, die man in den 1920er Jahren in einem letzten Aufbäumen des „Heimatstils“ – einer regionalen Abwandlung des Art Noveau – prägnant protzig auf den Putz gehämmert habe. 

Das Fachwerkhaisla um 1950 (StA Münchberg)

Weiterlesen: Auch das Haus Marteau im Hofer Land wurde im Heimatstil erbaut: Faszinierender Ort in ländlichem Idyll – Haus Marteau (stadtlandhof.de)

Mitten in Münchberg: Blick in die Vergangenheit des Fachwerkhaislas

In der Folgezeit schlossen sich Münchberger Bürgerinnen und Bürger sowie die Stadt zusammen, um dieser Annahme auf den Grund zu gehen. Mit erstaunlichen Ergebnissen: So muss das Haisla weitaus älter sein, als man vermutete. Immerhin tauchte bereits im 17. Jahrhundert ein Bauwerk an seinem Standort auf, das damals von einer wittib, einer Witwe, verkauft worden war. Quellen indes, die von einem zwischenzeitlichen Abbruch oder Neubau hätten erzählen können, fehlten. Insofern lag die Vermutung nahe, dass dieses von der wittib angebotene Gebäude tatsächlich eben jenes Fachwerkhäuschen war, dessen weitere Existenz nun zur Debatte stand. Wie aber wollte man das beweisen?

Eine Spurensuche in Archiven

Es folgte eine Spurensuche in Archiven und auch im Haus selbst. Um das Jahr 1700, so verrieten es die Schriften, gehörte das Anwesen einem Schmied mit Namen Zeitlhack, der eine wirklich findige Idee verfolgte: Immerhin war zwanzig Jahre zuvor in direkter Nachbarschaft die Postkutschenstation eröffnet worden, was ihm eine gute Auftragslage nebst adäquater Einkünfte versprach. Sie erlaubten ihm auch, aus dem kleinen Handwerkerhäuschen ein Prunk-Anwesen zu machen: Die Fassade wurde im Egerländer-Fachwerkstil neu gestaltet, die Decken im Wohnbereich in barocken Formen aus wuchtigen Balken neu ausgeführt. Es entstanden Räumlichkeiten, die man eher in der Bayreuther Residenzstadt vermutet hätte, denn in Münchberg. (Begleiten Sie Autor Adrian Roßner auf eine Reise durch die Geschichte des Handwerks im Hofer Land!) Eine Frage aber blieb: War das Gebäude, das sich heute in der Bahnhofstraße erhebt, auch wirklich jenes Haus des Zeitlhack? Oder war das Original längst abgebrochen und durch einen nachempfundenen Neubau ersetzt worden? 

Sogenannte “Schiffskehlendecken” wie diese findet man eigentlich nur in barocken Bürgerhäusern. Aber auch das Fachwerkhaisla kann mit zwei auftrumpfen!

Die sprechenden Hölzer im Fachwerkhaisla

Die verbauten Hölzer im Fachwerkhaisla gaben schließlich Auskunft. Durch „Dendrochonologie“, also eine Analyse der Jahresringe in den Balken und deren Vergleich mit umfangreichen Datenbanken, konnte die Zeit, in der der Baum einst gewachsen war, ebenso nachgewiesen werden, wie das Jahr, in dem er zum Balken geschlagen worden ist: Es war anno 1702. Diese Nachricht verbreitete sich nicht allein in Münchberg wie ein Lauffeuer, sondern rief auch die obersten Denkmalschützer auf den Plan. Schließlich war somit quasi über Nacht aus einem Abbruchgebäude das älteste Bauwerk der Stadt geworden war – und noch dazu eines der ältesten Egerlandhäuser in Bayern überhaupt. Aufgrund jener neuen Erkenntnisse nahm die Stadt Münchberg nicht allein Abstand vom Abbruch, sondern unternahm zusätzlich dazu immense Anstrengungen, das kleine Häuschen zu retten.

Das Herz von KulCity

In Bürger-Werkstätten planten Vertreter der Verwaltung, der politischen Führung, der Vereine und des Einzelhandels gemeinsam die Zukunft des Gebäudes, das in den kommenden Jahren zum Herzen von „KulCity“, der „Genussstadt“ werden soll. Damit wird seine Tradition auf beeindruckende Weise fortgeschrieben: Immerhin diente es, nach Schließung der Schmiede, ab 1889 als Bäckerei, deren „Schlotfeger“ bis in die 1970er Jahre hinein die Schulkinder erfreuten. 

Anfang 2022 wurde der Sieger des ausgelobten Architektenwettbewerbs gekürt: Nach den Plänen des Büros Schlicht & Lamprecht wird das Haisla in den kommenden Jahren umgebaut werden und auch der Genussregion Oberfranken als Aushängeschild dienen.

Plan zum Umbau des Fachwerkhaislas (Büro Schlicht & Lamprecht)

Denkmalschutz geht nur gemeinsam

Das Münchberger Fachwerkhaisla zeigt, dass „Denkmalschutz“ nur gemeinsam funktionieren kann und nachhaltige Planung benötigt. Miteinander haben sich Stadt, Ehrenamt und Wirtschaft des kleinen Gebäudes angenommen, um so sicherstellen zu können, dass es auch in Zukunft das bunte Treiben vor seinen Fenstern in aller Stille beobachten kann. Zusätzlich dazu aber wird es schon bald all jene Menschen, die an ihm – getrieben von der Hektik der Moderne – vorbeiziehen, dazu einladen, sich in seinem Innern zusammenzusetzen, zu genießen und die immer schneller dahinfließenden Zeitläufte auch einmal getrost allein voranhetzen zu lassen.

Wenn Sie mehr zur Geschichte des Fachwerkhaislas erfahren möchten, schauen Sie gerne auf der Homepage vorbei!

Im Fachwerkhaisla wurde auch ein sogenannter Himmelsbrief entdeckt! Hier erläutert Ihnen Adrian Roßner mehr dazu.

Mehr zu Autor Adrian Roßner erfahren Sie hier.

 

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Adrian Roßner