Der Stoff, aus dem die Zukunft ist

Mut führt dich zu den Sternen! Das ist ein Sprichwort, könnte aber auch das Unternehmensmotto von Iprotex aus Münchberg sein. Timo Piwonski hat das Textilunternehmen gegründet, mit überraschendem Mut für einen damals erst 23-Jährigen. Und bei den Sternen ist Iprotex schon, zumindest fast. stadtlandhof.de über ein Unternehmen, das aus Textil Zukunft webt.

Wie viel Mut gehört dazu, nach einem mittelprächtigen Realschulabschluss, einer Industriekaufmannslehre und nur wenigen Jahren Berufserfahrung, mit gerade mal 23 Jahren zu sagen: Ich mach mich selbstständig? Wenn das Startkapital für die erste eigene Firma aus zusammengekratztem Kommunion- und Firmungsgeld und einer Hypothek aufs Haus der Eltern besteht? Timo Piwonski hatte so viel Mut, als er sich 1999 mit seinem ehemaligen Vorgesetzten selbständig machte. „Wir sind einfach zur IHK und haben gesagt: hier sind wir, wir haben uns dann irgendwie aus der hohlen Hand einen Businessplan, eine Kostenstruktur, Umsatzziele ausgedacht. 800 Mark Gehalt haben wir veranschlagt, davon haben wir aber noch das Auto betankt, für Firmenfahrten.“ Die Anfänge von Iprotex klingen wie aus einer längst vergangenen Zeit, als es so etwas noch gab: Hemdsärmeligkeit. Mit sechs Textilmaschinen startet das zwei-Mann-Unternehmen. „Die Immobilie, die wir gemietet hatten, hat im ersten Jahr mehr Miete gekostet als wir Umsatz gemacht haben.“ Das Geschäft beginnt allerdings zu wachsen, und wächst immer rasanter. „Das Wort Work-Life-Balance habe ich noch nicht gekannt“, sagt Timo Piwonski, „ich habe Tag und Nacht gearbeitet.“

„Wir sind einfach zur IHK und haben gesagt: hier sind wir,
wir haben uns dann irgendwie aus der hohlen Hand
einen Businessplan, eine Kostenstruktur, Umsatzziele ausgedacht.
800 Mark Gehalt haben wir veranschlagt, davon haben wir aber noch das Auto betankt, für Firmenfahrten.“

Timo Piwonski

Innovative Stoffe – leicht und unsichtbar

Wie viel Mut gehört dazu, ausgerechnet in einer Industrie zu gründen, deren Krise geradezu sprichwörtlich ist? Iprotex setzt sehenden Auges auf Textil in Deutschland, allerdings auf eine besondere Nische: technische Textilien. Kunststoff-, Glas- und Naturfasern wie Baumwolle und Hanf, Edelstahl- und Kupferdrähte, Alufolien, Basaltfasern und Aramide – das ist heute der Baukasten von Iprotex. Aus den Materialien werden völlig neuartige Textilien gewirkt, gewebt, geflochten, die genau das tun, was der Kunde braucht. Iprotex-Textilien ummanteln Kabel in Autos, Loks, Bussen, Flugzeugen, Maschinen und Solaranlagen, schützen Servolenkungs-, Kraftstoff- und Hydraulikleitungen, werden zu Composites vergossen und verstärken Bauteile, verbinden Spleißstellen von Erdkabeln, dienen als Corsage für Druckluftleitungen. Vor allem sind sie leicht – im Automobilbau, in dem es immer um weniger Gewicht und weniger Treibstoffverbrauch bei gleichem Komfort geht, ein riesiger Trumpf, wie auch im Wachstumsmarkt E-Mobilität, wo Hochvoltleitungen crashsicher ummantelt werden müssen. Sehen kann man Iprotex-Textilien am Ende nicht. Sie stecken tief in den Produkten und machen sie leichter, besser.

Timo Piwonski hat Iprotex vor 21 Jahren aus dem Nichts gegründet. Heute hat das Unternehmen fast 200 Mitarbeiter und erzielt über 20 Millionen Euro Jahresumsatz.

Münchberg – Zentrum textiler Netzwerke

Wie viel Mut braucht Innovation? Bei Iprotex tüftelt ein achtköpfiges Team aus Ingenieuren und Textiltechnikern permanent an neuen Produkten, über dreißig sind bereits patentiert. Der Campus Münchberg mit dem Studiengang „Innovative Textilien“ und das Fraunhofer-Anwendungszentrum für Textile Faserkeramiken in Münchberg sind enge Partner. „Zu uns kommen Praktikanten, Absolventen. Wir forschen und entwickeln gemeinsam.“ Iprotex profitiert von dem enormen textilen Wissen, das es so gebündelt kaum woanders gibt. „Münchberg ist für uns ein Nährboden par excellence.“

Wie viel Mut gehörte dazu, Iprotex zu internationalisieren? Die Automotive-Branche übe einen gewissen Druck auf ihre Lieferanten aus, sagt Piwonski: Folge den Footprints deines Kunden, sei vor Ort an dem Markt, den du bedienen willst. „Der Gang nach Asien war 2013 allerdings ein Sprung ins kalte Wasser für uns. China ist weit weg, wir haben damals viele Info-Veranstaltungen besucht, und jeder zweite hat da von einem Harakiri-Invest in Asien berichtet. Wir hatten aber das Glück, die richtigen Personen zu finden.“ Heute hat Iprotex erfolgreiche Produktionen in Tunesien, China und Mexiko.

„Münchberg ist für uns ein Nährboden par excellence.“

Timo Piwonski

Wie viel Mut gehört dazu, Iprotex auf Kurs zu halten? Das Unternehmen hat heute gemeinsam mit seiner Crimmitschauer Schwester Innotect fast 200 Mitarbeiter und macht 22 bis 23 Millionen Euro Jahresumsatz in Deutschland, im Ausland noch einmal 10 Millionen. Corona kam für Timo Piwonski wie ein Schlag von der Seite. Von jetzt auf dann standen die Maschinen – und alles in Frage. Iprotex musste Kurzarbeit anmelden. „Für mich war das bitter, weil keiner was dafürkonnte, der Markt nicht, die Mitarbeiter nicht, der Chef nicht. Unsere Mitarbeiter haben aber extrem gut reagiert – nützt ja nichts, müssen wir eben das Beste draus machen, das war die Haltung. Aber ganz klar: Wäre 2020 2008 passiert, gäbe es uns nicht mehr, damals waren wir zu jung, zu klein, zu fragil.“ Jetzt steht Iprotex anders da, hat gute Geschäftsjahre hinter sich, einige neue Darlehen für Investitionen, so kommt man ganz gut hin aktuell. „Was ich gelernt habe: Wir machen einen Plan A, und einen Plan B. Früher war der Plan B winzig im Hinterkopf, jetzt läuft er in fast gleicher Schriftgröße mit, wir müssen bei jeder Entscheidung parallel mitdenken, was ist, wenn das so nicht geht.“

Verantwortung und Verwurzelung

Bedeutet das, Iprotex hat ein bisschen an Mut eingebüßt? „Schon, ja. „Dinge, die wir uns zweimal überlegt haben, überlegen wir uns jetzt dreimal. Trotzdem werden wir weiter investieren und Ja zu unseren Standorten sagen und sie ausbauen. Wir leben vom Wachstum.“ Timo Piwonski ist ein realistischer, aber im Zweifelsfall optimistischer Chef. Er kennt alle seine Leute und empfindet ihnen gegenüber Verantwortung, weil sie Krisen mit ihm durchgestanden haben, jeden Tag ihr Bestes geben. Die Art, wie er sich sein eigenes Berufsende vorstellt, sagt viel aus: „Ich möchte irgendwann mal gemeinsam mit meinen Mitarbeitern zurückblicken und sagen: Bei allem Verrückten, manchmal auch Schlechten, bei allem, was uns irgendwie bewegt hat – hey, wir haben das trotzdem ganz gut hingekriegt!“

Als Gründer, Geschäftsführer und Gesicht eines hochinnovativen Unternehmens ist Piwonski ein Unternehmer altmodischer, bodenständiger Art. Vielleicht, weil er mit nichts angefangen hat und sich alles erarbeiten musste. Vielleicht, weil er so eng mit dieser Region verbunden ist – in deren Vereinen er sich persönlich und mit seinem Unternehmen als Sponsor engagiert. Tief im Frankenwald, wo er wohnt, liebt er den Blick über Wiesen und Felder, die Ruhe. „Ich wache auch gern mal in einem Hotel in irgendeinem Wolkenkratzer in Shanghai auf, aber leben könnte ich dort nicht.“ Der passionierte Oldtimer-Sammler, Reiter und Freund der fränkischen Küche kann sich für das Einfache begeistern. Bussi-Bussi und In-Locations? Piwonski würde sich eher für einen Abend mit ganz normalen Leuten entscheiden – mit denen er ungezwungen, in seinem Kronacher Dialekt, „a weng blöd plaudern kann“ – oder halt auch ganz tiefgründig. Vielleicht gehört zu diesem Echtsein auch Mut.

Auf dem Weg zu den Sternen

Mut führt dich zu den Sternen! Lange hat Iprotex für ein EU-Projekt mit Fraunhofer und der Münchener HPS GmbH geforscht und entwickelt, bald sind sie tatsächlich im Weltraum im Einsatz: Sehr große Satellitenantennen, ausgestattet mit Reflektoren aus ultrafeinem Metallgewirk, made by Iprotex. Die 5- und 8-Meter-Durchmesser-Parabolreflektoren werden lautlos um die Erde sausen und Wetter- und Telekommunikationsdaten um den Globus jagen. Iprotex ist dann tatsächlich im All. Bei den Sternen nicht ganz, zugegeben. Aber das kann ja noch kommen.

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Maria_Brömel

Maria Brömel

Die gebürtige Bobengrünerin hat an der Universität Eichstätt Journalistik studiert und nach ihrem Abschluss einige Jahre lang als Redakteurin, Moderatorin und Sprecherin für einen hochfränkischen Radiosender gearbeitet. Seit 2011 schreibt und lektoriert sie für verschiedene PR-, Print- und Onlinepublikationen. Die freie Journalistin lebt in Hof.