Es weihnachtet sehr!

Wenn alle sich ins Private zurückziehen, um mit Verwandten und Freunden Weihnachten zu feiern, haben sie besonders viel zu tun: Geistliche und Kantoren. Stadt.Land.Hof hat mit Vertretern darüber gesprochen, wie sie die Weihnachtszeit erleben und verleben. Und wir sind der Frage nachgegangen, wie eine Muslima diese Zeit wahrnimmt.

 

Georg Stanek, Kirchenmusikdirektor an den Hofer Kirchen St. Michaelis und Hospitalkirche, sieht es gelassen, dass Weihnachten für ihn arbeitsintensiv ist. „Als Kirchenmusiker hat man es sich so ausgesucht“, sagt er. Seit Wochen bereitet er die musikalische Gestaltung der vier Gottesdienste an Heiligabend und der weiteren fünf an den Weihnachtsfeiertagen vor. Gerade in diesem Jahr ist das keine einfache Aufgabe. Die Gottesdienstbesucher dürfen aus Infektionsschutzgründen nicht singen. Für viele aber gehören insbesondere an Heiligabend die bekannten Weihnachtslieder mit ihren vertrauten Texten und vor allem das zum Schluss gesungene „Oh, du fröhliche“ zur Einstimmung auf Weihnachten.

„Ich möchte auch in diesem Jahr den Menschen über die Musik ein Gefühl mitgeben, das sie über die Feiertage trägt.” – Georg Stanek

Für ihn bedeutet das, zu überlegen, wie er das erreichen kann. Die Sängerinnen und Sänger der Michaeliskantorei dürfen nicht mitwirken, der Posaunenchor ebenfalls nicht, allenfalls in Quartettbesetzung. Die Lösung sind in diesem Jahr zur Christvesper um 16:00 Uhr an Heiligabend in St. Michaelis, die auch live im Internet gestreamt wird, neben der Orgelmusik eine Solo-Sopranistin und zwei Trompeten. Die Gottesdienste um 17:30 Uhr und um 19:00 Uhr gestalten Georg Stanek an der Orgel und eine Altistin. „Niemand muss auf ‚Oh, du fröhliche‘ verzichten. Nur selbst singen geht halt dieses Jahr im Gottesdienst leider nicht. Vielleicht ist das aber ein Grund, mal wieder mehr in der Familie zu singen und zu musizieren.“ Für Georg Stanek bleiben Advent und Weihnachten trotz aller musikalischen Rituale immer etwas Besonderes. „Mir persönlich vermittelt diese Zeit jedes Jahr ein erhebendes Gefühl“, sagt er. In diesem Jahr bleibt ihm, zumindest an Heiligabend, für das persönliche Genießen der Weihnachtsstimmung gar keine Zeit. In „normalen“ Jahren, in denen er „nur“ die Christvesper in St. Michaelis und die spätabendliche Christmette in der Hospitalkirche spielt, gibt es einige Stunden Zeit, um mit Frau und Schwiegereltern Weihnachten zu feiern. In diesem Jahr wird er durchgängig von 12-20 Uhr in der Michaeliskirche sein. Weihnachten feiert er dann eben in diesem Jahr erst ab dem 1. Weihnachtsfeiertag, genießt in der Familie gutes Essen und Spaziergänge. Seine Eltern besucht er, auch das ist Tradition, erst nach den Feiertagen. Sie wohnen zu weit weg, als dass er das noch in das Feiertagsprogramm integrieren könnte. In dieser Zeit, die er oftmals mit ein paar Tagen Urlaub verbindet, kann er Weihnachten für dieses Jahr endgültig ausklingen lassen.

 

Für Holger Fiedler, Pfarrvikar der katholischen Pfarrei Bernhard Lichtenberg, ist Weihnachten das schönste Fest im Jahr. Normalerweise macht er jetzt in der Vorweihnachtszeit Besuche in Alten- und Pflegeheimen oder besucht rund 30 Menschen zu Hause. Das geht in diesem Jahr nicht, was er sehr bedauert.

„Es tut mir leid, dass ich in diesem Jahr auf die persönlichen Gespräche verzichten muss.“ – Holger Fiedler

Er telefoniert zwar mit seinen Gemeindegliedern. „Das ersetzt aber keinen Besuch. Gerade nicht bei den Menschen, die ohnehin eher alleine sind.“ Wie schon beim ersten Lockdown in der Osterzeit hat er auch jetzt an der Seniorenzeitung „Lichtblicke“ mitgewirkt, eine Sonderpublikation der Pfarrgemeinde in Coronazeiten. Die jetzige Ausgabe begleitet die Menschen mit Bibelsprüchen, Auslegungen, aber auch Rätseln durch die Weihnachtszeit, die bis Mariä Lichtmess am 2. Februar dauert.

Parallel läuft die Gottesdienstvorbereitung. Das ist in diesem Jahr organisatorisch eine besondere Herausforderung. „Das Einlasskartensystem ist schon ein großer Aufwand, aber unvermeidlich“, sagt Fiedler. Er übernimmt in der Hofer Marienkirche alleine am Heiligen Abend vier liturgische Feiern – von der Morgenandacht bis zur Christmette. Letztere findet nicht wie sonst um 22:00 Uhr, sondern schon um 20:00 Uhr statt. Damit hat er letztlich zwei Stunden mehr für sich, bis er am 1. Weihnachtsfeiertag um sieben Uhr das sogenannte Hirtenamt mit den Gläubigen feiert. Dort steht die Weihnachtsgeschichte und die Rolle der Hirten noch einmal im Mittelpunkt. „Darauf freue ich mich besonders. In dieser frühen Stunde sind die Menschen besonders intensiv dabei, hören besonders aufmerksam zu.“ Über die Predigten der insgesamt rund 15 Gottesdienste, die er am 24., 25., 26. und 27. Dezember zelebriert, macht er sich jedes Jahr zeitnah Gedanken. „Ich bin jetzt im 21. Jahr Priester, finde dennoch jedes Jahr einen neuen Zugang zu Weihnachten, reife persönlich als Mensch immer mehr. Es ist spannend, immer wieder die Frage zu beantworten, was es heißt, an Gott zu glauben.“

Als katholischer Priester steht er ganz im Dienst der Kirche. „Das gehört zu unserem zölibatären Lebenskonzept“, erklärt er. Dennoch findet er zwischen den Gottesdiensten am 2. Weihnachtsfeiertag auch Zeit für einen Besuch bei seiner Mutter, wo er dann auch seine beiden Geschwister trifft und sich über ein Festtagsessen mit guten fränkischen Klößen freut.

 

Horst Bergmann ist Pfarrer der evangelischen Pfarrei Bad Steben. Er arbeitet schon etwas länger im Vorfeld an den Predigten für die Weihnachtsgottesdienste. „Sie sollen authentisch sein“, sagt er.

„Mir ist wichtig, dass die Gottesdienstbesucher meine Freude über die Weihnachtsbotschaft spüren. Und ich predige nur das, was ich mir selbst auch sagen lassen will.“ – Horst Bergmann

Damit will er nicht nur frühzeitig fertig sein, sondern die Predigten auch auf die jeweiligen Gottesdienstbesucher abgestimmt haben. Die für einen Familiengottesdienst mit Kindern muss anders formuliert sein als die für die Christmette, in der mehr Erwachsene sitzen, die sich sehr intensiv mit Glaubensfragen beschäftigen. Lange dürfen seine Predigten auch nicht werden, denn der Familiengottesdienst am Nachmittag des Heiligen Abend findet als Open-Air-Gottesdienst vor der Lutherkirche statt. Maximal 30 Minuten soll er dauern, je nach Wetterlage. Danach wartet in Langenbach mit der Christvesper der nächste Open-Air-Gottesdienst auf ihn. „Wir machen alle Gottesdienste, zu denen wir viele Menschen erwarten, draußen“, sagt er und hofft, dass die Besucher für eine weihnachtliche Atmosphäre Laternen mitbringen. In den Genuss des Anblicks des wunderschönen und mit über 40 Kerzen erleuchteten Kronleuchters in der Lutherkirche kommen dieses Jahr nur diejenigen, die den Gottesdienst um 19:00 Uhr dort besuchen, der eigentlich als Christmette um 22:00 Uhr stattfinden sollte. In diesem Jahr ist halt alles anders. „Vieles, was man langfristig plant, fällt kurzfristig wieder weg“, beschreibt er seinen derzeitigen Arbeitsalltag. Auch die Weihnachtsurlauber werden dieses Jahr in Bad Steben fehlen. „Es werden stille Weihnachtstage hier werden“, sagt Bergmann. Er selbst genießt die Feiertage in Ruhe, baut die Weihnachtskrippe auf, hört Weihnachtsmusik dazu. „Unsere Verwandtschaft lebt weit weg. Viel Trubel gibt es da nicht.“ Nach den Festgottesdiensten an den beiden Feiertagen hat er freie Zeit. Wenn ihm danach ist, kann er auch seinen eigenen Gottesdienst auf Youtube oder im Frankenwald-TV bzw. KommInfo-TV ansehen. „Den Gottesdienst am vierten Advent zeichnen wir als Weihnachtsgottesdienst auf, der dann mehrfach auf den Sendern gezeigt wird“, erzählt Bergmann. Die Predigt dafür hat er schon fertig, und der Kronleuchter der Lutherkirche wird bestimmt auch in vollem Glanz erstrahlen.

 

Hülya Wunderlich, Leiterin des Internationalen Mädchen- und Frauenzentrums (EJSA) in Hof und seit 2014 für die SPD im Hofer Stadtrat, ist Muslimin. Sie lebt seit 1977 in Hof, ist mit einem evangelischen Mann verheiratet. Bei ihr zu Hause steht ein Adventskranz, zu Weihnachten wird ein Christbaum aufgestellt. Sie backt Stollen und Plätzchen, dekoriert und beleuchtet ihre Wohnung weihnachtlich. Für sie ist das normal, und sie kennt viele andere Menschen muslimischen Glaubens, die das auch so handhaben.

„Wenn man viele Jahre in einem christlich geprägten Land wohnt, verinnerlicht man solche Traditionen.” – Hülya Wunderlich.

Für sie ist das kein Widerspruch zu ihrem Glauben. Im Gegenteil: „Ich persönlich empfinde es als sehr große Bereicherung und genieße während der Weihnachtszeit die besondere Stimmung, die sich ausbreitet.“ Sie freut sich auch darüber, dass Verwandte, Freunde und Nachbarn beider Konfessionen bedeutsame religiöse Feste gemeinsam feiern. Weihnachten jetzt, das Zuckerfest zum Abschluss des Ramadan, das im kommenden Jahr im Mai stattfindet. Für Hülya Wunderlich stehen die Gemeinsamkeiten und das Verbindende der Konfessionen im Mittelpunkt ihrer Weltanschauung. „Wir sind doch alle Gottes Kinder“, sagt sie. Und so hat sie auch keine Berührungsängste mit Symbolen oder Ritualen. „Die Frage ist doch immer, wie streng ich selbst damit umgehen will“, fasst Hülya Wunderlich ihre Einstellung zusammen. Sie freut sich darauf, an Weihnachten ihre Familie um sich zu haben und das Gemeinschaftsgefühl zu genießen.

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Sabine Schaller-John