Rückkehr in die Heimat: Von Afrika in die Backstube

Seit 120 Jahren prägt die Bäckerei Reinel den kulinarischen Fußabdruck in der Region Hof. Christian Fleischer, Bäckermeister und Betriebswirt, führt das Familienunternehmen seit 2018 zusammen mit seiner Schwester, Michaela Fleischer erfolgreich in fünfter Generation. Von Johann Reinel, dem Ururgroßvater wurde sie im Jahr 1900 gegründet. Für beide ist es eine echte Herzensangelegenheit, die Traditionen der Familie zu bewahren und fortzuführen. Warum es für Michaela Fleischer bei ihrer Rückkehr in die Heimat nach 12 Jahren Liebe auf den zweiten Blick war, erzählen wir euch in diesem Beitrag.

Rückkehr ins Hofer Land

Schon während ihrer Schulzeit wurde bei Michaela das große Interesse für Afrika geweckt. „Ich wusste nichts über diesen Kontinent und wollte das unbedingt ändern“, erzählt sie. Nach ihrem Abitur studiert sie deswegen an der Universität Leipzig Afrikanistik mit dem Schwerpunkt Wirtschaftswissenschaften und Französistik. Ihr Ziel war es, irgendwann in der Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt zu sein. Entgegen der Prognosen ihrer Professoren, die bereits vor Antritt des Studiums betonen, wie schwierig es sei, im Anschluss einen geeigneten Job zu finden, setzt sich Michaela durch und verwirklicht ihren Traum bei den Vereinten Nationen zu arbeiten.

 

Noch während ihres Studiums beginnt sie ein Praktikum, welches schnell zu einem richtigen Job führte, in der UNO-City in Wien, einem von vier Hauptsitzen weltweit. Bei vielen Auslandsaufenthalten und Tätigkeiten in Ruanda, Namibia, Kongo, Kamerun, Sambia und Washington D.C konnte sie viele verschiedene Erfahrungen machen, die sie bis heute geprägt haben. In Sambia war sie beispielsweise zwei Jahre für das Kinderhilfswerk UNICEF tätig. Ihre Aufgabe dort war die Budgetüberwachung beim Bau von Krankenhäusern, um die Kinder- und Müttersterblichkeitsrate zu senken.

“Die Bäckerei war immer ein Teil von mir” erzählt Michaela

„Natürlich habe ich in dieser Zeit Familie und Freunde vermisst, ein Besuch in der Heimat war selten möglich, meist nur an wenigen Feiertagen im Jahr”, erinnert sie sich. “Ich fühlte mich aber auch in dieser anderen Welt sehr wohl. Die Erlebnisse, die ich machen durfte, die Geschichte, Kultur und Entwicklung Afrikas hautnah miterleben zu können und aktiv zu Verbesserungen beizutragen, war für mich ein Privileg. Die Bäckerei war natürlich immer ein Teil von mir, aber bis dahin eher als Kindheitserinnerung.“

 

„Liebe auf den zweiten Blick“

Dass sie irgendwann zurück in die Heimat gehen würde und in die Geschäftsführung der Bäckerei zu ihrem Bruder Christian dazu stoßen würde, hätte sie zu dieser Zeit noch nicht für möglich gehalten. In den meisten Fällen kommt es anders als man denkt. So auch bei Michaela Fleischer. Anfang 2018 kommt sie für einen Besuch zurück nach Hof und bleibt. Für sie und ihre Familie war relativ schnell klar: diese Rückkehr ist für immer. Mehr noch, sie wird zukünftig gemeinsam mit ihrem Bruder das Traditionsunternehmen Reinel weiterführen.

“Es war Liebe auf den zweiten Blick, dafür dann bedingungslos” so Michaela

“Je mehr Zeit verging, desto mehr habe ich gemerkt wie sehr mir unser Unternehmen am Herzen liegt und wie gerne ich an Christians Seite ein aktiver Teil davon sein möchte. Es war Liebe auf den zweiten Blick, dafür dann bedingungslos”, so Michaela. Dabei profitiert sie von ihren Fähigkeiten und Erfahrungen, die sie in der Entwicklungsarbeit machen durfte unerwarteterweise auch bei der Leitung der Bäckerei. „Anfänglich war mir nicht bewusst, wie viele Prozesse im Hintergrund ablaufen, damit in der Bäckerei alles läuft, wie es soll. Nach und nach habe ich immer mehr Aufgabenbereiche entdeckt, welche mich interessiert haben. Zusammen mit Christian versuchen wir hier immer die bestmöglichen Lösungen für die Bäckerei, unsere Angestellten und natürlich unsere Kunden zu finden”, sagt sie. Dabei vergessen sie nie ihre Tradition, versuchen aber mehr und mehr mit der Zeit zu gehen.

Tradition und Innovation

Es ist ein schmaler Grat zwischen „Never change a running system“ und zukunftsorientierter Weiterentwicklung. Ihr oberstes Credo ist hierbei die Erhaltung und Weiterführung der Familientraditionen, wie es schon ihre Großeltern und Eltern taten. Die Einhaltung der Rezepturen aus der Gründerzeit, ihr hauseigener Sauerteig sowie lange Teigreifezeiten oder auch echte Handarbeit liegen ihnen sehr am Herzen.

Als Team schaffen sie innerhalb von zwei Jahren Ergebnisse, die sich sehen lassen können. Dabei kümmert sich Christian um alles was mit der Warenbestellung, den Produkten, der Backstube und der Technik zu tun hat. Zu Michaelas Aufgaben gehören Marketing, Controlling, Logistik und Personalwesen. Einige Läden werden komplett umgebaut und auf den neuesten Stand gebracht. Das Marketing wird komplett überarbeitet, es gibt eine Internetseite und Social Media Kanäle mit optisch ansprechenden Fotos aller Backwaren und neue Werbekampagnen. Selbst in schwierigen Zeiten, bewahren sie einen kühlen Kopf und erschaffen Anfang diesen Jahres innerhalb von wenigen Tagen einen Lieferservice für das komplette Sortiment. „Der Lieferdienst wurde so gut angenommen, dass wir ihn gerne erhalten möchten.“ Dabei kann bei einem Mindestbestellwert von 5,00 Euro in einem Umkreis von bis zu 10 km rund um Hof beliefert werden. Nähere Informationen hierzu findet ihr unter diesem Link.

 

Aller Anfang ist schwer

Bei vielen Rückkehrern dauert es eine gewisse Zeit bis sie wieder komplett angekommen sind. So auch bei Michaela: „Natürlich braucht man immer eine Weile, bis man sich wieder akklimatisiert hat, ich war immerhin eine sehr lange Zeit weg und mein Arbeitsumfeld war ein ganz anderes.“ Auf die Frage, an was sie sich am Anfang gewöhnen musste, schmunzelt sie und sagt: „Es ist mir in der Tat sehr schwer gefallen, auf Deutsch zu arbeiten. In meinem bisherigen Berufsleben wurde Englisch und Französisch gesprochen. Ebenso fällt es mir nicht leicht, pünktlich zu sein. In Afrika hat man ein ganz anderes Verständnis von Pünktlichkeit, an welches ich mich in dieser langen Zeit etwas gewöhnt habe.“

“Ich kann mir nicht mehr vorstellen, etwas anderes zu machen, als in der Bäckerei zu sein”  Michaela Fleischer

Mittlerweile hat sie sich in der Heimat wieder sehr gut eingelebt und fühlt sich nach einer 12 Jahre langen Reise um die halbe Welt Zuhause angekommen. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, beruflich etwas anderes zu machen, als in der Bäckerei zu sein.“

Auch Christian ist froh, dass er bei der Führung der Bäckerei auf seine Schwester zählen kann: „Wir sind inzwischen ein gut eingespieltes Team und ergänzen uns sowohl in unseren Aufgabengebieten als auch in unseren Eigenschaften als Führungspersonen. Wir tragen die Verantwortung für fast 60 Mitarbeiter und 8 Filialen.

“Es ist uns sehr wichtig, dass sich unsere Angestellten wohl bei uns fühlen” Christian Fleischer

Dabei ist es uns sehr wichtig, dass sich unsere Angestellten wohl bei uns fühlen.“ Sie setzen hier auf eine freundschaftliche Atmosphäre, flache Hierarchien und eine gerechte Bezahlung.  Sie arbeiten Tag und Nacht daran, ihren Kunden die höchste Qualität zu fairen Preisen anbieten zu können. Oder um es mit den Worten der Familie Fleischer zu sagen: „Jeder sollte sich ein ordentliches Frühstück leisten können“.

 

 

 

 

 

Bäckerei Reinel: Zeiten ändern sich. Tradition bleibt.

Alle Filialen der Bäckerei Reinel sowie deren Öffnungszeiten findet ihr unter folgendem Link.

Bilder: Michaela Fleischer und www.indivisual.media

2 Kommentare

  • Brüderchen und Schwesterchen,
    Ein wirklich tolles Team.
    Da merkt man so richtig wie Ihr Beide für den Bäckerberuf brennt,
    Weiter so,das gefällt mir wie Ihr die REINEL TRADITION hochhalten,
    Weiterhin viel Erfolg und bleibt gesund

    Manfred MAX UND FAMILIE

    Antworten
  • Liebe Michaela, lieber Christian, mit großem Interesse habe ich diesen Bericht über meine ehemaligen Schüler gelesen. Ich bin begeistert. Eure Eltern können stolz auf euch sein.
    Ich wünsche euch weiterhin viel Freude, Kraft und weiterhin gutes Gelingen.
    Euere ehemalige Lehrerin der Moschendorfer Schule

    Antworten

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Michaela Spindler

Michaela Spindler, momentan 32 Jahre, in Hof geboren und aufgewachsen. Nach 6 Jahren in Baden-Württemberg bei einer großen Krankenkasse und einer 5 Monate langen Weltreise ist sie zurück in die Heimat gezogen, weil das Heimweh so groß war. Ihr Lieblingsort im Hofer Land ist der Untreusee.