Wiederentdeckung unserer Industriekultur: Historische Weberei in Münchberg

Im Hofer Land schlug einst das textile Herz Europas. Im Zuge der Industrialisierung wurde die Region im nordöstlichen Oberfranken zu einem Zentrum der Textilindustrie. Dieses Erbe prägt die Region noch heute. Es hat leistungsfähige, innovative Unternehmen hervorgebracht, die Spezialisten auf ihrem Gebiet sind und durch ihr Know-How auf dem Weltmarkt bestehen. Bereits in früherer Zeit zeigten sich die heimischen Industriebetriebe innovativ und wandelbar, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Ein Beispiel ist die historische Fabrikanlage der Weberei Stoeckel & Grimmler in Münchberg, die damals Maßstäbe setzte und nun eine Wiederentdeckung und Wiederbelebung erfährt. Der Historiker Adrian Roßner stellt in diesem Beitrag eines seiner industriegeschichtlichen Lieblingsobjekte im Hofer Land vor.

Wer in den letzten Wochen durch die Münchberger Gartenstraße streifte, wurde von einem ungewohnten Anblick überrascht: Wo noch vor kurzem kalte Stahlbleche trotzig kühl auf den Betrachter herabblickten, erheben sich nun, von jahrzehntelanger Existenz sichtbar vernarbt, scheinbar aus der Zeit gefallene Fabrikhallen.

Die Wiederentdeckung einer bedeutenden Industriegeschichte

Hinter den blinden Fenstern verbirgt sich eine beeindruckende Geschichte:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Industrialisierung im Hofer Land deutlich an Fahrt aufgenommen. Durch den Bau der Ludwig-Süd-Nord-Bahn 1848 und die damit möglich gewordenen Kohle-Importe begann die Mechanisierung der jahrhundertealten Textilproduktion und erlaubte – endlich – die Errichtung erster Fabriken, mit deren Hilfe sich die Region gegen die wachsende Konkurrenz aus England und Sachsen zur Wehr setzen wollte.

In Münchberg gilt die Gründung der Färberei Knab & Linhardt 1868 als erster Schritt der Stadt hin zu Industriemetropole. Nur zwei Jahre später schlossen sich am 31. März 1870 die Brüder August und Carl Stoeckel, beide aus einer angesehenen Verlegerfamilie stammend, mit dem Verleger Carl Grimmler zusammen, um das Haus „Gebr. Stoeckel & Grimmler“ zu gründen. Die junge Firma konzentrierte sich auf teure Jacquard-Stoffe, für die die Eigentümer Baumwolle importierten und anschließend von Hauswebern in der Umgebung verarbeiten ließen.

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Innovative Industriearchitektur des frühen 20. Jahrhunderts

1910 wagten die drei Herren den mutigen Schritt in die Großproduktion und beauftragen das renommierte Architekturbüro Philipp Jakob Manz aus Stuttgart mit dem Bau einer modernen Webfabrik. Manz war berühmt für schnelle und vor allem kostensparende Planungen, die auch in Münchberg zum Erfolg führten: Nach ersten Konstruktionszeichnungen im Oktober 1910 konnte die Fabrik bereits knapp sechs Monate später eingeweiht werden – kein Vergleich zu den teilweise über mehrere Jahre laufenden Bauarbeiten an anderen, gigantischeren Fabrik-Kolossen der Konkurrenz.

Ein Spezialgebiet des Büros waren leichte Shedbauhallen, die sich durch eine ganztags gute Beleuchtung ohne direkte Sonneneinstrahlung auszeichnen. Um Gewicht und Geld zu sparen, hatte Manz dafür eigene, nach ihm benannte Stahlträger entwickelt, die die Münchberger Konstruktion bis heute zuverlässig stützen. Der „Manz-Träger“ wurde in diversen Fachzeitschriften und -büchern des frühen 20. Jahrhunderts als große Innovation gefeiert, da er ein kostengünstiges Herstellungsverfahren mit absoluter Zuverlässigkeit und immenser Tragkraft kombinierte.

Fabrikbau in Münchberg: Ein Meilenstein der Industriekultur

Und auch auf einer anderen Ebene war Manz seiner Zeit weit voraus: Denn während andernorts noch immer häufig verwinkelte Hochbauten entstanden, plante er geschickt mit einer ebenerdigen Struktur. Das machte aus der Weberei Stoeckel & Grimmler eine in sich geschlossene, auf Effizienz und Produktivität ausgerichtete Maschinerie. Alle Abteilungen, von der Anlieferung der Rohware über deren Vorbereitung, das eigentliche Weben bis hin zum Abtransport liefen in einer offenen Halle ab. So wurden Transportwege reduziert und die flotte Auftragsabwicklung garantiert. Durch die zusammenhängende Konstruktion war es möglich, die gut 60 Webmaschinen über eine zentrale Transmission anzutreiben, was weitaus weniger Energie verschlang. Daher brauchte die moderne Fabrik auch keine mehrere zehntausend Mark teure Dampfmaschine. Vielmehr genügte ein aus der Landwirtschaft übernommenes Lokomobil, ein der Räder beraubter „Dampftraktor“, um die Produktion am Laufen zu halten.

Architektur, die neue Maßstäbe setzte

Selbst nach modernen Gesichtspunkten, die von „Just-in-time“-Produktion und anderen Aspekten ausgehen, sind Manz’ in Münchberg umgesetzte Ideen noch immer tragbar! Die Weitsicht seiner Planung zeigt sich auch am Umstand, dass die Fabrik für gut vierzig Jahre keinerlei Umbauten benötigte.

Erst als im Rahmen des Wirtschaftswunders der 1950er auch die Textilindustrie eine finale, große Blüte erlebte, baute die mittlerweile in die Geschäftsleitung aufgestiegene Familie Bergmann die Weberei aus. Neue Hallen wurden konstruiert und zudem eine moderne „Kraftzentrale“ eingerichtet, in der fortan eine kompakte Dampfmaschine Strom produzierte, mit dessen Hilfe die im Werk verteilten Motoren angetrieben wurden.

Auch in jenen Jahren blieb die ursprüngliche Fabrikhalle erhalten, an der allerdings zusehends der Zahn der Zeit nagte. 1973 entschloss man sich daher dazu, die unansehnliche Fassade mittels einer Stahlwand zu verkleiden, wodurch man unbewusst eine deutschlandweit einmalige Zeitkapsel schuf, in der das historische Fabrikgebäude konserviert wurde.

Sanierung: Die Wiederbelebung eines historischen Schatzes

Im Jahr 2021, rund fünfzig Jahre später, ließ die Geschäftsleitung der Firma Stoeckel & Grimmler diese Verkleidung entfernen. Die von Manz geplante Fabrik erlebte damit ihre faktische Wiedergeburt. Sich der Bedeutung der Hallen bewusst, plant das Traditionsunternehmen derzeit ihre Sanierung, die bereits im Frühjahr 2022 abgeschlossen sein soll. Dabei ist wichtig, dass man sich dem industriellen Erbe mit höchster Vorsicht nähert: Die alten Fenster werden originalgetreu von örtlichen Schreinern nachgebaut. Der Putz behutsam erneuert. Und das Innere der Konstruktion nur soweit instand gesetzt, wie nötig, um den einmaligen Charme zu erhalten. Bald schon werden hier Show Rooms und Event-Locations entstehen.

Heute kann die Weberei Stoeckel & Grimmler mit der historischen Manz-Halle und dem originalgetreu erhaltenen Kesselhaus samt Feuerungstechnik aus den 1950er Jahren getrost als Herzstück der Industriekultur des Hofer Landes gelten, das zeigt, welche Möglichkeiten der zielgerichtete Umgang mit historischer Bausubstanz bietet: Das Entdecken spannender Geschichten, das Erkunden einmalige Lokalitäten und – elementar – den Erhalt der ganz eigenen regionalen Identität.

Bilder: Adrian Roßner, Dagmar Müller, Rüdiger Taubald (Titelbild)

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Stoeckel & Grimmler

Stoeckel & Grimmler ist heute ein in der 4. Generation geführtes Familienunternehmen, das stolz auf seine Wurzeln ist, die bis ins Jahr 1870 zurückgehen. Noch heute steht das Unternehmen für exklusive Heimtextilien. Designstarke Eigenkollektionen, Kollektionen namhafter Marken sowie eine große Produktvielfalt machen das Unternehmen zu einem erfolgreichen Anbieter von dekorativen Heimtextilien.

Die wiederentdeckten historischen Fabrikhallen sollen nun saniert und in eine attraktive Event-Location verwandelt werden.

Website: Textiles, Accessoires and more | Stoeckel & Grimmler (stoeckel-grimmler.de)

Adrian Roßner

Adrian Roßner aus Zell im Fichtelgebirge ist “Bestellter Kreisarchivpfleger” des Landkreises Hof. Doch das ist nur eine seiner vielen Funktionen und Ehrenämter. Bekannt ist er auch durch das TV-Format “Adrians G’schichtla” im Bayerischen Rundfunk. Bei Stadt.Land.Hof ist er immer wieder zu Themen der Heimatgeschichte und des Brauchtums aktiv.

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